Thomas Rathgeb: „Das Internet muss ein Thema in der Familie sein“

Leiter des MPFS im Interview mit DIGITAL LERNEN
(PresseBox) (Berlin, ) Immer mehr Kinder gehen ins Internet, die wenigsten von ihnen werden von ihren Eltern dabei begleitet. Mit der Mediennutzung von Kindern und Jugendlichen befasst sich seit 1998 der Medienpädagogische Forschungsverbund Südwest. DIGITAL LERNEN sprach mit dem Leiter des MPFS Thomas Rathgeb.

Sascha Steuer: Herr Rathgeb, was war der Anstoß Ihre Untersuchungen auch auf die Mediennutzung der Familien auszuweiten?

Thomas Rathgeb: Die JIM-Studie befasst sich mit den Jugendlichen - also den 12 – 19-jährigen – und die KIM-Studie mit den 6 – 13-jährigen, plus deren Haupterzieher, wobei wir dort aufgrund des Zeitbudgets den Haupterziehern nur einen kleinen Fragebogen geben konnten. Dabei haben wir gemerkt, dass das Elternhaus schon eine gewisse Rolle in der Mediennutzung spielt. Die Frage ist, was wird in der Familie gemeinsam gemacht und wird über Medien zu Hause gesprochen? Als Landesmedienanstalt stellt sich für uns natürlich auch die Frage, was wird gesetzlich geregelt, und welche Verantwortung bleibt bei der Familie übrig. Um zu beleuchten, welche Rolle Medien im Familienkontext spielen und, um den Blickwinkel der Kinder und Jugendlichen um die Familienperspektive zu erweitern, haben wir die FIM-Studie – Familie – Interaktion und Medien -auf den Weg gebracht. In der FIM-Studie haben wir viele Fragen den Kindern, Jugendlichen und Eltern gleich gestellt. So konnten wir sehen, wie bestimmte Sachverhalte in der Familie eingeschätzt, wie und wann welche Sachen gemeinsam genutzt werden, sowie welche Themen mit wem in der Familie besprochen wurden. Das hat für uns ein besseres Bild auf die Familie gegeben.

Wie stellen Sie sicher, dass die Eltern, aber vor allem die Kinder, wahrheitsgemäß antworten?

Dieses Problem besteht generell bei Befragungen. Fragen müssen so gestellt werden, dass sie nicht von vornherein in eine bestimmte Richtung weisen und die Befragten meinen, sie müssen bestimmte Antworten geben. Das kann man durch methodische Konzepte ein wenig eindämmen. Wir haben beispielsweise die Familienmitglieder separat befragt, die Eltern saßen also nicht am Tisch, während wir die Kinder oder Jugendlichen über ihre Internutzung befragt haben. An der hohen Übereinstimmung bei vielen unkritischen Fakten innerhalb der Familie - also beispielsweise Gerätebesitz – sehen wir, dass die Antworten doch relativ gut zusammenpassen. Das zeigt uns, dass diese Einzelbefragungen der methodisch richtige Weg waren.

Sind Sie überrascht worden von den Ergebnissen Ihrer Studie oder liegen die Ergebnisse im Trend der KIM- und JIM-Studie?

Man sieht, wie die verschiedenen Medien in den verschiedenen Altersgruppen jeweils eine andere Rolle spielen. Überraschend war für mich, dass das Familienklima insgesamt sehr positiv dargestellt wird. Auch von Seiten der Jugendlichen, die gerne mal etwas rebellischer und mal dagegen sind, zeigt sich eine hohe Übereinstimmung auch bei bestimmten Einstellungsfragen, wie sie es in der Familie finden. Insgesamt haben wir doch ein positives Familiengefühl innerhalb der deutschen Familien gefunden. Überraschend fand ich, dass zwar die Jugendlichen und Erwachsenen sehr intensiv im Internet unterwegs sind, aber es weder als Gesprächsthema noch als gemeinsame Nutzung in der Familie eine ganz große Rolle spielt. Es wird relativ wenig über Netzinhalte gesprochen - ganz anders als beim Fernsehen - das viel häufiger Thema ist. Das Fernsehen trägt die Informationen ins Haus, in die Familie. Das Netz spielt hier noch eine viel geringere Rolle, obwohl die Kinder, Jugendlichen und Eltern im Netz unterwegs sind. Das heißt, das ist etwas, was jeder für sich tut und auch nicht viel darüber spricht.

Liegt das auch daran, dass ich mit dem Internet alleine bin, während der Fernseher eben läuft und die Familie passiv davor sitzen kann?

Ganz sicher! Und es liegt vor allem an den Angeboten. Das Netz ist insbesondere für Jugendliche Kommunikationswerkzeug und damit etwas Persönliches. Da bin ich mit anderen in Kontakt und unterhalte mich beispielsweise. Es hat nicht diesen sozialen Aspekt, wie das gemeinsame Anschauen eines Films im Fernsehen. Jedes der beiden Medien hat einen anderen Charakter und das zeigt sich ganz deutlich auch in der Nutzung. Es ist ganz plausibel, dass man bislang eher selten in der Familie gemeinsam Videos im Netz anschaut. Wenn man gemeinsam einen Film anschaut, dann ist das vor dem Fernseher. Nur 13 Prozent der Eltern sagen, dass sie regelmäßig gemeinsam mit Ihren Kindern das Netz nutzen. Das finde ich relativ wenig, in Relation zu dem, wie alltäglich das Internet heute schon in diesen Familien bei den einzelnen Familienmitgliedern ist.

Ist es akzeptabel, dass nur 13 Prozent der Eltern mit ihren Kindern ins Netz gehen, insbesondere vor dem Hintergrund verbotener, jugendgefährdender und entwicklungsbeeinträchtigender Inhalte, sowie Datenmissbrauch und Werbung auf Kinderseiten?

Einerseits ist es natürlich verständlich, dass die Eltern den Kindern ihre Privatsphäre lassen möchten, wenn es um Kommunikation geht. Dennoch muss das Internet ein Thema sein. Gerade die einzelnen Schritte: das erste Mal im Netz, wie gehe ich da um, welchen E-Mail-Namen und welches Profil gebe ich mir, welche Einstellungen mache ich. Diese Schritte müssen mit den Kindern besprochen werden. Die Kommunikation nachher ist schon weitgehend Privatsache. Da müssen die Kinder aber auch wissen, dass sie sich an ihre Eltern wenden können, wenn etwas schief läuft und auch sagen können, wenn sie beängstigende oder befremdende Meldungen im Internet bekommen. Sie müssen sich dann auch trauen mit den Eltern darüber zu reden. Das kann man erreichen, wenn die Eltern sich frühzeitig dafür interessieren und diesen Weg, den das Kind schrittweise ins Netz geht, immer begleiten und jeweils auch die Hilfestellung geben und sich gegebenenfalls informieren, wie man beispielsweise das Profil bei Facebook am besten einstellt oder wo es Urheberrechtsprobleme gibt. Da ist es für Eltern sicher leichter, sich zu informieren, als für ein 10-jähirges Kind.

Eine andere Studie hat ergeben, dass 14 Prozent der Eltern einen Internetfilter auf den Computern zu Hause installieren. Ist es zu vermuten, dass das die gleichen 14 zu 13 Prozent der Eltern sind, die sich zu Hause mit Ihren Kindern vor das Internet setzen?

Das kann man so pauschal nicht sagen, aber ich denke, dass die Eltern, die sich um einen Filter bemühen und installieren, eher diejenigen sind, die das Thema Medien wichtig nehmen und sich darum kümmern. Und da ist auch die Frage der Zugänglichkeit zu diesen Filtern. Wenn so etwas auf dem Rechner bereits installiert wäre und es nur aktiviert werden muss, ist es etwas anderes, als wenn ich es erst mal im Geschäft oder im Internet kaufen und mich informieren muss, wie ich es installiere und wie so etwas funktioniert. Es stellt sich also auch die Frage nach der Praktikabilität und der Motivation der Eltern.

Könnten hier die Schulen eine Rolle spielen und durch Medienkompetenzvermittlung und die Eltern motivieren?

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