Nach mir die Sintflut

Wenn Kinder Nachfolger werden sollen aber nicht wollen – eine Studie zum bayerischen Mittelstand
(PresseBox) (Leipzig, ) Meister Eder steht mit dem Hobel an der Werkbank und bearbeitet liebevoll das Holz eines Schrankes. Das Schreinern ist seine Leidenschaft, der er mit Herz und Seele nachgeht. Der kleine Kobold Pumuckl stellt die Werkstatt zwar gerne auf den Kopf, doch größere Sorgen kennt Meister Eder nicht. Seine Rechnungen sind bezahlt, Aufträge erhält er von der Stammkundschaft aus der Münchner Nachbarschaft und um einen Nachfolger für seine Werkstatt macht er sich keine Gedanken. Was in der Serie „Pumuckl“ selbstverständlich ist, stellt für den deutschen Mittelstand ein echtes Problem dar. Zwar erkennen viele Unternehmer die Nachfolgeregelung als ein ernst zu nehmendes Thema für die langfristige Entwicklung ihrer Firma an, jedoch folgt darauf keine Handlung.

Eltern setzen auf desinteressierten Nachwuchs

Zu dieser Problemstellung in der deutschen Wirtschaft hat die Gräfelfinger Unternehmensberatung Mirablau in Zusammenarbeit mit der TU München die Studie „Herausforderungen bei Unternehmensnachfolgen in mittelständischen Unternehmen für das Jahr 2013“ veröffentlicht. An der Umfrage beteiligten sich 250 bayerische mittelständische Unternehmen mit einem Umsatz zwischen fünf und 100 Millionen Euro. Diese aktuelle Studie unterscheidet sich zu bisherigen Studien, da sie erstmals die Wahrnehmung und Behandlung der Nachfolgeregelung auf betrieblicher Ebene behandelt. Das Ergebnis: „Trotz demographischer und soziologischer Veränderungen stellt die familieninterne Übergabe immer noch den bei weitem begehrtesten Lösungsweg für die Nachfolge dar!“ Im Klartext: Trotz wachsendem Desinteresse der Kinder, setzen die Eltern weiter auf ihren Nachwuchs. In 53 Prozent aller Fälle stellt die familieninterne Übergabe immer noch den begehrtesten Lösungsweg für die Nachfolge dar.

Die Kleinen sind nicht vorbereitet

Vor allem kleine Familienunternehmen erachten das Thema Nachfolgeregelung als wichtig. Schließlich handelt es sich um ein existenzielles Thema, das eng mit dem Bestehen des Betriebs und dessen Arbeitsplätzen verbunden ist. Umso erstaunlicher, dass vor allem die kleinen Unternehmen nicht für den Fall eines unvorhergesehenen Ausscheidens vorbereitet sind: „Rund 28 Prozent der Unternehmen mit einem Umsatz von weniger als zwei Millionen Euro haben keine Vorkehrungen getroffen.“, heißt es in der Studie. Haben Firmen bereits damit begonnen, eine passende Nachfolgeregelung zu finden, wird diese oft mit jahrzehntelangem Verzug umgesetzt. Das Austrittsalter bei kleinen Firmen liegt Mirablau zufolge bei 71 Jahren. „Nicht loslassen zu können“ wird nicht nur von der Literatur, sondern auch von Seiten der Umfrageteilnehmer als große Gefahr angesehen.

Ein Umfrageteilnehmer dieser Befragung befürchtete sogar, dass durch das lange Warten des Unternehmers ein geeigneter, bereits eingearbeiteter Nachfolger das Unternehmen aufgrund von mangelnder Perspektive wieder verlassen könnte. Obwohl die Notwendigkeit des Themas für die langfristige Unternehmensplanung allgemein anerkannt ist, wird nur äußert selten externe Unterstützung beansprucht. Gerade einmal 13 bzw. acht Prozent der Befragten zogen eine familienexterne Nachfolge, das Management Buy Out (MBO – ein firmeninterner Investor kauft das Unternehmen) oder Management Buy In (MBI – ein firmenexterner Investor kauft das Unternehmen), in Erwägung. In größeren Unternehmen existiert zumeist eine Regelung für die Nachfolge. Oft greifen etablierte Automatismen. In 44,4 Prozent der Fälle springt die zweite Führungsebene ein, 33,9 Prozent aller Firmenchefs haben bereits einen Nachfolger in der Hinterhand.

Entbehrliche Experten

Um das „Nachfolgeproblem“ erfolgreich zu lösen, sind der Studie nach folgende Faktoren notwendig: Transparenz gegenüber dem Nachfolger, langfristiges Planen der Nachfolge, klar definierte Ziele und eine etablierte zweite Führungsebene. Vor allem die kleinen Betriebe halten bei der Umsetzung der Nachfolgefrage Experten für entbehrlich - trotz des akuten Handlungsbedarfes. Mehrere Optionen in der Hinterhand zu haben sei nebensächlich, auch in Anbetracht des hohen Risikos bei einem unerwarteten Ausfall. Die Mehrheit der Unternehmen wendet sich für eine Nachfolgeberatung an Steuerberater/Wirtschaftsprüfer (77 Prozent), Rechtsanwälte/Notare (57 Prozent) oder Banken (40 Prozent). Doch um zu einer zügigen guten Lösung zu kommen, reicht es nicht, nur steuerliches und rechtliches Expertenwissen einzubinden.

Eine operative Begleitung der Nachfolge durch spezialisierte Experten - ob bei Übergabe an den Spross oder Verkauf - objektiviert, beschleunigt und verbessert in der Regel den gesamten Prozess. Jürgen Rilling, Geschäftsführer der Mirablau betont: „Der Prozess der Nachfolgeregelung muss mehr Priorität im Betrieb erfahren und bedarf einer professionellen Umsetzung. Rechtzeitige Nachfolgen bieten früher die Chance auf neue Impulse für den Mittelstandsbetrieb“. Aus der Studie ergeben sich vier Handlungsfelder, welche der Mittelstand berücksichtigen sollte:

Prävention: Je kleiner die Unternehmen, desto gravierender die Folgen eines unerwarteten Ausscheidens des Firmenlenkers. Jedoch gerade diese Unternehmen, vernachlässigen Konzeption und Durchführung präventiver Maßnahmen in besonderem Maße.
Priorität: Obwohl der Nachfolge hohe Wichtigkeit für das Unternehmen und große Relevanz für die Perspektive des Betriebs zugesprochen wird und die Regelung der Nachfolge als komplexes Unterfangen erkannt wird, wird das Thema in den Betrieben nur nachrangig behandelt. Nachfolgen werden erst mit jahrelangem Verzug umgesetzt.

Professionalisierung: Laut Ansicht der Unternehmen kann zwar auf Expertenwissen im Bereich der operativen Begleitung verzichtet werden. Die von den Unternehmen jedoch selbst definierten Ansprüche belegen die Notwendigkeit einer Professionalisierung und Einbindung von Expertenwissen über die rein berufsständische rechtliche und steuerliche Beratung hinaus.
Perspektive: Mit der Nachfolge und der Übernahme durch den Nachfolger werden in der Regel neue Impulse gegeben. Die Unternehmen profitieren und entwickeln sich positiv weiter.

Der Mittelstand muss nicht nur die notwendigen Handlungsfelder, sondern auch die Chancen für das Unternehmen erkennen. Erst dann können angemessene Maßnahmen ergriffen und mit Überzeugung zielsicher umgesetzt werden. Dann ginge es dem Mittelstand wie Meister Eder: der Laden läuft und lediglich die Kobolde in der Werkstatt sorgen für Unruhe.

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