Fehlverhalten ist vermeidbar

Ein neues Buch von Chicago Booth-Professor und Bestsellerautor Richard Thaler zeigt, was Oma Meta schon vor 100 Jahren wusste: Menschen handeln nicht rationell. Jedenfalls nicht immer.
Proteste während der brasilianischen Essigrevolution, Isaac Ribeiro - Flickr, CC BY-SA 2.0, http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/ (PresseBox) (Leipzig, ) Manchmal wundert man sich, wieviel Aufwand die Wissenschaft treiben muss, um zu entdecken, was doch klar auf der Hand liegt. Umwege muss man eben oft erst zu Ende gehen, bevor sie sich als Umweg zu erkennen geben. So etwas kennt schon die Psychologie als Wissenschaft. Vor über 100 Jahren waren die Psychologen neidisch auf die Physiker. Die hatten klare Daten, messbare Fakten, aufs Komma vorhersagbare Ereignisse. Das "Schwammige" in der Psychologie, das schien häufig unwissenschaftlich. Trotz aller Bestseller und Therapie- und Konferenzerfolge von Gurus wie Siegmund Freund.

"Messen, was messbar ist. Messbar machen, was nicht messbar ist." So lautete deshalb das Credo dieser Zeit. Das was früher die Seele ausmachte, geriet über dem ganzen Gerede mittels Zahlen, Kurven und Differentialgleichungen ins Vergessen. Die Wissenschaft hatte ihren Gegenstand - die Psyche - zumindest teilweise verloren. Sie verirrte sich in Zahlen und Mathematik. Sie sah den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr. Wenn einer genau hinsah, kam es ihm vor wie im Märchen: "Aber der Kaiser ist doch nackt!"

Ungefähr ab den 80er Jahren kam es dann zu einer Renaissance der psychologischen Psychologie. Die Mathematiker und Rechenzentren waren nach wie vor wichtig. Aber sie hatten nicht mehr die alleinige "Lizenz zur Weisheit".

So ähnlich ist es auch in der Ökonomie. Jahrzehntelang bastelten sich Ökonomen ein Menschenbild zusammen, mit dem sich gut rechnen ließ. Okonomen beschätigten sich mit dem Homo Oeconomicus. Es entstanden Witze wie folgender: Vier Personen fahren nach Schottland: ein theoretischer Ökonom, ein empirischer Ökonom, ein Statistiker und ein Erkenntnistheoretiker. Als sie die Grenze überschreiten, sehen sie auf einer Wiese ein schwarzes Schaf. Der theoretische Ökonom sagt: "In Schottland sind die Schafe schwarz". Der empirische Ökonom sagt: "In Schottland gibt es schwarze Schafe". Der Statistiker sagt: "Mit sehr großer Wahrscheinlichkeit können wir die Hypothese verwerfen, dass es in Schottland keine schwarzen Schafe gibt". Der Erkenntnistheoretiker sagt: "In Schottland scheint es mindestens ein Schaf zu geben, das auf mindestens einer Seite schwarz ist".

Leider nutzte diese Art Wirtschaftswissenschaft weder den Schafhirten noch den königlichen Kämmerern. Die konnten noch so viele Seminare besuchen. Irgendwann hatten die es satt, die Dummen zu sein. In den letzten 20 Jahren setzt sich deshalb immer mehr die Erkenntnis durch, dass auch die Ökonomie irgendwie am Thema vorbei ging. Viele Jahre lang.

Unser aller Erleben ist doch in Wirklichkeit, dass wir eher an den Homer Simpson glauben als an den Homo Oeconomicus. Aber das durften wir weder in der Abschlussprüfung sagen noch in der Pressekonferenz. Das war nicht nur uncool, das war out.

Dennoch: Wir wussten es bereits besser. Stefan Schneider, Deutsche Bank AG - Deutsche Bank Research – Chief International Economist, Head of Macro Trends, veröffentlichte bereits vor Jahren eine tolle Studie über die Frage "Auf der Suche nach dem Homo Oeconomicus - Homo Oeconomicus oder doch eher Homer Simpson?". Sie ist in 11 Teilen auf Kompetenznetz-Mittelstand veröffentlicht.

Und eigentlich - ich traue mich kaum das so zu sagen - eigentlich wusste meine Oma Meta das schon. Die hätte es nicht wissenschaftlich ausdrücken können. Sie wurde am Ende des 19. Jahrhunderts geboren und ist nun schon lange nicht mehr unter uns. Sie hatte nur eine kleine Grundschule besucht, in einem kleinen Dorf, mit mehreren Klassenstufen in einem Raum. Mit Bildung im heutigen Sinne hat diese Schule wenig zu tun.

Aber was Oma damals gelernt hat, das hat ihr tatsächlich Lebenshilfe gegeben. Sie wusste worauf es ankam. Sie konnte bis ins hohe Alter einige wenige Goethe- und Schiller-Zeilen zitieren, die sprichwortgleich als Lebenshilfe gemeint waren, und sie hat sich ihren gesunden Menschenverstand nie ausreden lassen. Deshalb: Wir sollten viel öfter auf unseren gesunden Menschenverstand vertrauen und nie vergessen, dass bei aller Komplexität der heutigen Welt viele wirklich wichtige "Essentials" des Miteinander-Lebens keineswegs modern, sondern seit Jahrhunderten bekannt sind. Wir müssen uns nur erinnern wollen.

Dies tat jetzt auch Richard Thaler, Begründer der Verhaltensökonomie und Wirtschaftsprofessor an der Chicago Booth School of Business. Er widmet einen Großteil seiner Arbeit der Erforschung der radikalen These, dass die zentralen Schaltstellen der Wirtschaft aus fehlbaren und fehleranfälligen Akteuren bestehen und es sich nicht, wie in den traditionellen Wirtschaftswissenschaften angenommen, um durchweg rationelle Wesen handelt. Thaler hat Recht.

Es ist die Rationalität, mit der sich der Mensch aus dem Tierreich erhoben hat. Und es ist seine Irrationalität, seine Gefühle und ihre Schwankungen, seine willentlichen Entscheidungen und sozialen Interpretationen, die ihn über das hinaus auszeichnet, was Computer mit künstlicher Intelligenz zu leisten imstande sein werden.

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