Baustelle von München bis Hamburg - 60 Stunden Stau pro Autofahrer und Jahr

Mit Nachtbaustellen gegen Staus kämpfen
(PresseBox) (Stuttgart, ) Zahlreiche Verkehrsbehinderungen lassen sich nach Ansicht des ACE Auto Club Europa durch besseres Baustellenmanagement vermeiden.

"Auf diesem Gebiet haben die Straßenbauämter ihre Möglichkeiten allerdings längst noch nicht voll ausgeschöpft", ist sich ACE-Verkehrsexperte Matthias Knobloch sicher. Auf dem Deutschen Verkehrsgerichtstag in Goslar beklagte er, allein durch falsche Bauzeiten "inmitten des Berufs- und Wirtschaftsverkehrs" entstünde ein immenser volkswirtschaftlicher Schaden, der in die Milliarden gehe. "Deutschland steht jedes Jahr rund 4,7 Milliarden Stunden im Stau; pro Verkehrsteilnehmer bedeutet das eine insgesamt 60 Stunden dauernde Straßenblockade", sagte der ACE-Sprecher. Einen Teil der Verantwortung dafür trüge der Staat als Baulastträger, wenn er sich weigere, moderne Methoden des Baustellenmanagements anzuwenden. Knobloch schlug vor, zur Verminderung des Staurisikos mehr Nachtbaustellen einzurichten. Nachts sei das Verkehrsaufkommen deutlich geringer, wodurch auch die Anfälligkeit für Verkehrsbehinderungen nachlasse. Der ACE-Sprecher räumte ein, dass Nachtbaustellen betriebswirtschaftlich gesehen höheren Aufwand verursachen könnten. Das bedeute unter Umständen höhere Steuern und Abgaben zur Finanzierung der Verkehrsinfrastruktur. Doch unter Abwägung aller Aspekte gingen Nachtbaustellen im volkswirtschaftlichen Nutzen-Kosten-Verhältnis mit 12 zu 1 als Sieger hervor, betonte Knobloch unter Berufung auf eine Studie der Bundesanstalt für Straßenwesen (BAST, Heft V 143, 08/06).

Aus Sicht des ACE ist es im Zuge eines Strategiewechsels im Baustellenmanagement wichtig, ebenso berechtigte wie unterschiedliche Interessen unter einen Hut zu bringen. Dazu gehörten Anforderungen auf den Gebieten Verkehrssicherheit, Umweltverträglichkeit, Arbeits- und Gesundheitsschutz sowie Mobilitätseffizienz.


Autobahnbaustellen erstreckten sich nach Berechnungen des ACE im vergangenen Jahr auf insgesamt 750 Kilometer. Das entspreche der Entfernung zwischen Hamburg und München. Im Schnitt - so der ACE weiter - werde es auch 2007 in dem mehr als 12. 100 Kilometer umfassenden Autobahnnetz alle 30 Kilometer eine Baustelle mit einer Länge von jeweils 2. 500 Metern geben. Als Grund für das Ausmaß der Bautätigkeit nennt der ACE "Versäumnisse der Vergangenheit und Finanzblockaden zu Lasten der Verkehrsinfrastruktur". Wegen fehlender Gelder seien erforderliche Baumaßnahmen mitunter verschleppt und folglich erst verspätet eingeleitet worden.

Bundesverkehrsministerium: "Baustellen sind keine Schikane"
In einer Erklärung gegenüber dem ACE versicherte der Parlamentarische Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium, Ulrich Kasparick: "Baustellen sind keine Schikane sondern erforderlich, damit Mobilität wieder funktioniert und Verkehrssicherheit weiter gewährleistet werden kann." In die Sanierung und Erneuerung der Autobahnen habe die Bundesregierung allein im vergangenen Jahr 1,1 Milliarden Euro gesteckt.

Der ACE erinnerte auf dem Verkehrsgerichtstag in Goslar an die besonderen Anforderungen für eine bessere Verkehrs- und Arbeitssicherheit im Bereich von Autobahnbaustellen.

Bei jedem zweiten Verkehrsunfall ist den Angaben des ACE zufolge überhöhtes Tempo als Ursache mit im Spiel. Deshalb komme es besonders im Baustellenbereich darauf an, Geschwindigkeitsbeschränkungen strikt zu beachten und mehr Rücksicht zu üben. Mit angepasster Geschwindigkeit werde nicht nur ein wirksamer Beitrag für mehr Sicherheit im Straßenverkehr geleistet. Gedrosseltes Tempo diene auch dem Arbeitsschutz für Beschäftigte von Straßenbauunternehmen und Autobahnmeistereien.

Der ACE legte einen 12-Punkte umfassenden Katalog mit Verhaltensregeln beim Passieren von Autobahnbaustellen vor. Dort kommt es laut ACE jährlich zu rund 1600 Kollisionen, mit bundesweit über 1000 zum Teil tödlich verletzten Kraftfahrern. Hinzu kämen Arbeitsunfälle, denen Arbeiter im Baustellenbereich zum Opfer fielen.

"Autofahrer lassen sich in Baustellen vom Geschehen auf der Fahrbahn leicht ablenken. Beeinträchtigt wird die Konzentration beispielsweise auch durch Verkehrsfunk oder durch Telefonate, selbst wenn eine Freisprecheinrichtung benutzt wird", sagte Gert Schleichert, Leiter Auto & Verkehr beim ACE. Er kommt zu dem Schluss: "Es wird in diesen Abschnitten nicht selten zu schnell gefahren, zu riskant und zu unkonzentriert". Sein Tipp: Überholen und beschleunigtes Fahren auf der linken Spur im Bereich von Baustellen bringt weder einen Zeit- noch einen Sicherheitsgewinn.


Der ACE wies auch darauf hin, dass das Risiko, im Straßenbau einen Arbeitsunfall zu erleiden, mehr als doppelt so hoch ist als in anderen Bereichen der gewerblichen Wirtschaft. "Für Arbeiter auf Autobahnbaustellen gilt: Je niedriger das Tempo desto höher ihre Sicherheit".

Verletzungsart "Organzerreißung" am häufigsten
Die bisherigen Bemühungen um mehr Sicherheit rund um Straßenbaustellen müssen unvermindert fortgeführt werden, fordert der ACE. Zwischen 2002 und 2004 sind Club- Angaben zufolge 498 Arbeiter in der privaten Bauwirtschaft und der öffentlichen Straßenunterhaltung bei Arbeitsunfällen ums Leben gekommen. Bei mehr als acht Prozent dieser Unfälle im Bereich Transport und Verkehr wurden Arbeitnehmer auf Baustellen erfasst und überrollt. Von 2002 bis 2004 erlitten alleine in der Straßenunterhaltung 9.400 Beschäftigte Arbeitsunfälle. Bei der Art der Verletzungen etwa auf Grund von Kollisionen mit Fahrzeugen rangieren mit insgesamt fast 70 Prozent an erster Stelle so genannte Organzerreißungen sowie Gehirnerschütterungen und Prellungen. "Wir sehen Autofahrer und Straßenbauarbeiter in einer gemeinsamen Sicherheitspartnerschaft. Wirksame Unfallverhütung und Arbeitsschutz funktionieren in der Praxis am besten durch beiderseitige Gefahrenvermeidung. Bauarbeiter haben ein Recht auf Rücksicht und Vorsicht der Autofahrer", hebt der ACE in seiner Erklärung zur Debatte auf dem Verkehrsgerichtstag hervor..

Gebremst wird zu spät und zu scharf
Der Club berichtete von Beobachtungen der Autobahnpolizei Münster in Westfalen. Demzufolge wird im Vorfeld von Baustellen häufig viel zu spät und zu scharf gebremst. Dieser Umstand und ein zu geringer Sicherheitsabstand führten dann zu den mitunter folgenschweren Unfällen. Laut ACE passieren leichtere Auffahrunfälle nicht selten in dem für Baustellen so typischen Stop-and-go-Verkehr. "Daher ist es ratsam, bei Stopps auszukuppeln und die Handbremse zu ziehen; bei Automatikgetrieben sollte in der Standphase immer auf Leerlauf geschaltet werden", so der ACE in seinem Ratgeber. Andernfalls setze sich der Wagen beim versehentlichen Lockern der Fußbremse unmerklich in Bewegung und kollidiere mit dem Vordermann.


Milliarden-Kilometer im Baustellenstau
Wegen wachsendem Verkehrsaufkommen, Baustellen und Unfällen wird es ohne nachhaltige Gegenmaßnahmen künftig zu immer längeren Staus kommen, prognostizierte der ACE. Jedes Jahr summierten sich derartige Verkehrsblockaden in Deutschland auf 535 Milliarden Kilometer, erläuterte der Club unter Berufung auf Studien der Universität Duisburg. Auch die Bundesanstalt für Straßenwesen (BAST) geht laut ACE davon aus, "dass die Verkehrsdichte auf deutschen Autobahnen in Zukunft weiter erheblich anwachsen wird" was folglich "zu einem gravierenden Anstieg der Beanspruchung des Bauwerks Straße und damit zu einem erhöhten Unterhaltungsbedarf" führt, zitierte der ACE aus einem BAST-Bericht. Der Club sieht eine Lösung der Stauproblematik allerdings nicht alleine in einem klugen Baustellenmanagement, der Instandhaltung von Straßen und einem bedarfsgerechten Ausbau der Verkehrsinfrastruktur. Vielmehr komme es darauf an, etwa durch Verkehrstelematik und Mobilitätsmanagement Verkehrswege und Verkehrsmittel künftig effizienter zu nutzen als dies heute der Fall sei.

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