Wer hat Angst vor Wasserstoff?

70 Jahre nach dem Zeppelin-Unglück von Lakehurst verblasst das Hindenburg-Syndrom
(PresseBox) (Berlin, ) Die weitaus meisten Menschen in der industrialisierten Welt verbinden den Begriff "Wasserstoff" mit recht positiven Assoziationen. Mehrere soziologische Untersuchungen aus den letzten Jahren zeigen, dass besonders die jüngeren Befragten Wasserstoff als sauberen Kraftstoff für Autos von morgen kannten sowie allgemein als sauberen und nachhaltig verfügbaren Energieträger, der zur kundengerechten Verteilung erneuerbarer Energien beitragen kann.

Das war nicht immer so. Noch vor nicht so langer Zeit litten viele Menschen am "Hindenburg-Syndrom": sie hielten Wasserstoff für einen ungeheuer gefährlichen Stoff.

Die Ursache dafür war die Erinnerung an das Zeppelin-Unglück von Lakehurst, das sich in diesen Tagen zum 70. Mal jährt. Am Spätnachmittag des 6. Mai
1937 war das deutsche Zeppelin-Luftschiff LZ 129 Hindenburg beim Landemanöver in Lakehurst (New Jersey, USA) in Brand geraten und völlig zerstört worden. 35 der 97 Personen an Bord sowie ein Mitglied der Bodenmannschaft starben bei dem Unglück. Zur emotionalen Wirkung des Geschehens trugen nicht zuletzt die Wochenschau-Bilder und der live aufgezeichnete Kommentar des Rundfunkreporters Herbert Morrison bei ("...
it's a terrific crash ladies and gentlemen ... oh, the humanity and all the passengers!"), durch den der Vorgang ein Meilenstein des Medienzeitalters wurde. In Lakehurst endete auch das Zeitalter des gewerblichen Luftschiffverkehrs.
Sowohl eine amerikanische als auch eine deutsche Untersuchungskommission veröffentlichten recht bald Berichte, nach denen die Entzündung ausgeströmten Wasserstoffs die Ursache des Unglücks gewesen sein sollte.
Davon befanden sich immerhin 190.000 m³ als Traggas an Bord. Konkrete Beweise blieben sie aber schuldig. Untersuchungen bei der Herstellerfirma des Schiffs deuteten in eine ganz andere Richtung. Nur wurde davon nichts veröffentlicht, so dass die breite Öffentlichkeit seitdem am "Hindenburg-Syndrom" litt.
Heute herrscht weithin Übereinstimmung darüber, dass der Wasserstoff nicht der Auslöser des Unglücks war. Der Schlüsselfaktor war statt dessen die Luftschiffhülle, deren Anstrich elektrisch nicht leitend und sehr leicht brennbar war. Die Landung des Schiffs in Lakehurst erfolgte bei gewittrigem Wetter. Zwischen Schiff und Boden herrschten große Potentialdifferenzen. Die in den USA bevorzugte Art des Andockmanövers trug auch nicht zu deren schnellem Abbau bei. So konnte es leicht eine elektrische Entladung geben, die die Hülle in Brand setzte, und das Unglück nahm seinen Lauf. Das Wasserstoffgas und andere Materialien des Luftschiffs trugen zu dem Brand bei.

Eine wichtige Rolle bei der Erhellung dieser Abläufe spielte der frühere NASA-Angehörige Addison Bain. Er hatte viele Jahre lang für die NASA die Infrastruktur für die Versorgung von Raketen mit Wasserstoff als Treibstoff mit aufgebaut. In seiner Freizeit und später im Ruhestand befragte er Augenzeugen, wühlte sich durch Akten und machte Experimente mit Originalfetzen der Hindenburg-Hülle. Wertvolle Unterstützung erhielt er dabei vom Zeppelin-Museum in Friedrichshafen am Bodensee, das ihm seine Archive öffnete. Erste Ergebnisse dieser Arbeit wurden 1997 veröffentlicht.
Weitere Forschungen, Befragungen und Analysen sind in dem 2004 erschienenen Buch The Freedom Element dokumentiert.

Addison Bain stellt fest, dass das Hindenburg-Syndrom heute immer seltener wird. Er sagt dazu: "Ich sage das, weil es wirklich Fortschritte gibt. Jedes Jahr werde ich eingeladen, Vorträge über Wasserstoff zu halten. Ich frage
dann: ‚Kann mir jemand sagen, was mit der Hindenburg passiert ist?' Die
Antwort: ‚Ich habe gelesen, dass es der Anstrich des Luftschiffs war.'"

Ulrich Schmidtchen, Pressesprecher und Sicherheitsexperte des DWV, sagt zum Verschwinden des Hindenburg-Syndroms: "Besonders für die jüngere Generation ist das Unglück von Lakehurst vor 70 Jahren heute ganz einfach Geschichte, etwa so wie der Untergang der Titanic. Wenn wir heute von Wasserstoff als Energieträger reden, spüren wir ein überwiegend positives Echo."

Der unsachgemäße Umgang mit Energieträgern ist gefährlich, und Wasserstoff ist keine Ausnahme von dieser Regel. Experimente und Studien zeigen aber immer wieder, dass diese Gefahren keineswegs größer sind als die mit Öl, Erdgas oder Kohle verbundenen, nur eventuell ein wenig anders. Die Aufbewahrung von Wasserstoff in mechanisch robusten Druckbehältern trägt eher zur größeren Sicherheit bei. Zudem ist Wasserstoff weder explosiv noch giftig, radioaktiv oder ätzend, und seine Verbrennung hinterlässt klares Wasser.

Eine ausführlichere Abhandlung der Autoren Bain und Schmidtchen zum Lakehurst-Unglück finden Sie unter dem Titel "Ein Mythos verglüht - warum und wie die Hindenburg verbrannte" auf der Website des DWV (www.dwv-info.de, Publikationen, DWV-Information Nr. 4 vom 18. Januar 2000).

Das Zeppelin-Museum in Friedrichshafen erreichen Sie telefonisch unter
(07541) 3801-0 oder im Internet unter www.zeppelin-museum.de.

Kontakt

Deutscher Wasserstoff- und Brennstoffzellen-Verband e.V. (DWV)
Tietzenweg 85/87
D-12205 Berlin
Dr. Ulrich Schmidtchen
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