Fabrikantenvilla wird zum Kundenzentrum

Mit modernen Farben und Techniken gelingt die Restaurierung
Vorbildliche Baudenkmalpflege: Die Fabrikantenvilla in Nerchau wurde jetzt erfolgreich restauriert. (PresseBox) (Ober-Ramstadt, ) Auf dem Betriebsgelände der Mal- und Künstlerfarbenfabrik in Nerchau bei Leipzig steht eine schmucke Fabrikantenvilla, der man ihr fortgeschrittenes Alter nicht ansieht. Ein Grund hierfür ist ihre nun mit modernsten Farben und Techniken erfolgreich unter denkmalpflegerischen Gesichtspunkten abgeschlossene Sanierung. Bei der offiziellen Eröffnung des zum Kundenzentrum gewordenen Kleinods Anfang September konnten sich die zahlreichen Besucher von der gelungenen Restaurierung überzeugen. Firmeninhaber Dr. Klaus Murjahn hatte das Projekt zur Chefsache erklärt und es bis zum Abschluß der Arbeiten persönlich begleitet. Als Hersteller von Farben und anderen Bauprodukten engagiert sich Caparol bereits seit Jahrzehnten erfolgreich in der Baudenkmalpflege. "Wir widmen uns diesem anspruchsvollen Arbeitsgebiet mit großem Einsatz, da wir uns freuen, auf diese Weise einen Beitrag zum Erhalt unseres kulturellen Erbes leisten zu können", so Dr. Klaus Murjahn. Die Neugestaltung der Villa in Nerchau spiegelt dies eindrucksvoll wider.

Die Farbenfabrik in Nerchau gehört seit Mai 1992 zur Caparol-Firmengruppe (Ober-Ramstadt). Mit einer umfangreichen Modernisierung der Fertigungsanlagen schaffte Deutschlands größter Baufarbenhersteller die Voraussetzungen für den Fortbestand des traditionsreichen Nerchauer Betriebs. Nach Instandsetzung und Umbau ist jetzt auch der zu einem Schmuckstück gewordenen Villa für die Zukunft eine neue Funktion zugedacht.

Kein Stein blieb auf dem anderen

Als modernes Kundenkommunikationszentrum soll sie einen Beitrag zum fachlichen und künstlerischen Meinungsaustausch leisten, aber auch den Informationsfluß in beiden Richtungen verbessern. Während bei der Wiederherstellung der Gebäudehülle größter Wert auf Ursprünglichkeit gelegt wurde, blieb im Inneren des Gebäudes - aufgrund des schlechten Zustands der Bausubstanz und der geplanten Nutzungsänderung - kein Stein auf dem anderen.

Bei dem Wohnhaus handelt es sich um einen Ziegelbau auf Natursteinfundament, das seinen villenartigen Charakter durch An- und Umbauten in den Jahren 1921/22 erhielt. Verantwortlich hierfür zeichnete Architekt Dr. Hugo Koch. Ihm verdankt es Apsis und Balkon wie komfortablere Hauseingänge und den nach englischem Vorbild angelegten Garten. Nach der Enteignung 1946 wurden am Haus zwecks Schaffung von Wohnraum weitreichende Veränderungen vorgenommen. Daß es über die Jahre vernachlässigt wurde, war nicht nur der Mangelwirtschaft in der DDR geschuldet, sondern auch politisch motiviert. Eigentum an Immobilien war im sozialistischen Staat verpönt.

Dr. Klaus Murjahn nahm sich des Gebäudes an und beauftragte Werkleiter Friedhelm Röber, alle auffindbaren Unterlagen zusammenzutragen. Doch die Ausbeute beschränkte sich auf historische Fotos, die in die vom Leisniger Bauplanungsbüro Arnold angefertigte Dokumentation eingingen.

In Würdigung der Bedeutung des Architekten Dr. Hugo Koch stellte die zuständige Behörde das Gebäude unter Denkmalschutz. Bevor die Fassade originalgetreu wiederhergestellt wurde, erhielt das Haus Mitte 1997 eine neue Biberschwanz-Deckung. Zwei Jahre später begann die Fassadensanierung. Der Bauherr hatte sich mit der Denkmalschutzbehörde darauf verständigt, Schmuck- und Bossenprofile aus dem mineralischen Leichtbaustoff Capapor und damit ein Produkt aus eigenem Hause zu verwenden.

Gestaltungskompetenz, die überzeugt

Die Fassaden wurden mit einem neuen Grundputz versehen, ehe die Fassadenprofile darauf befestigt und mit Glättspachtel überzogen wurden. Die Schlußbeschichtung erfolgte mit der silikatischen Fassadenfarbe Sylitol. Das Farbkonzept lag in den Händen des Ober-Ramstädter Caparol FarbDesignStudios. Bei Innenausbau und Raumgestaltung setzte die finnische Innenarchitektin Sanna Läppekowski auf Modernität, Flexibilität und Eleganz. Im Spiel mit Farbe und Interieur wurde das Potential bewährter und innovativer Caparol-Qualitätsprodukte nach besten Kräften ausgeschöpft. Das Spektrum reichte vom Lithodecor-Sortiment über die hochwertige Innenfarbe Indeko-plus sowie Arte- und Deco-Lasur bis hin zu Spachteltechniken wie Calcino-Decor.

Bei der Auftragsvergabe wurde darauf geachtet, regional ansässige Firmen zu berücksichtigen. Bei den Malerarbeiten erhielt die Firma Bemmann tatkräftige Unterstützung von Caparol-Fachleuten aus Ober-Ramstadt, so daß Malermeister Bemmann am Ende begeistert von neuen Dimensionen moderner Wandgestaltung sprach. Die Nerchauer Villa steht nicht zuletzt deshalb für die Einheit von Bewahrung architektonischer Schönheit und anspruchsvoller Gestaltung.

Sie verdankt ihre Existenz dem industriellen Aufschwung, den Nerchau seit den 30er Jahre des 19. Jahrhunderts erlebte, als die Brüder Hessel begannen, im Muldetal farbige Erden abzubauen und daraus Malerfarben herzustellen. Aus dem 1834 gegründeten Betrieb ging 1891 die Farbwerke Friedrich und Carl Hessel AG hervor. Ein Jahrfünft zuvor hatten Hermann Hessel und Schwager Foll ein zweites Familienunternehmen aus der Taufe gehoben, das sich die Herstellung von Lackfarben auf die Fahne geschrieben hatte. Foll siedelte sich in unmittelbarer Nachbarschaft des Werkes an. Das 1886 errichtete Wohnhaus erhielt einige Jahrzehnte später sein endgültiges Gesicht. Es überstand die beiden Weltkriege unbeschadet.

Lackfabrik mit Tradition

Ohne die Geschwister Hessel wäre Nerchau wahrscheinlich für alle Zeiten ein Ackerbauernstädtchen geblieben. Sie entdeckten, daß das Muldetal außer fruchtbarem Boden weitere Reichtümer besaß. Der Abbau von farbigen Tonen und Erden lieferte nicht nur Baumaterial, sondern auch Ausgangsstoffe für die Herstellung von Erdfarben. Von rund hundert Beschäftigten wurden neben Erdfarben und Pigmenten unter anderem Eisenoxidpigmente, Farblacke für Buntpapier, Tapeten und Druckfarben sowie Öl-, Leim- und Kalkanstrichstoffe hergestellt. Seit Ende der 20er Jahre ergänzten Künstlerfarben das Angebot. Die 1886 entstandene Lackfabrik Hessel, Foll & Co. nahm sich der Entwicklung und Herstellung von Öl-, Lack-, Rostschutz- und Landmaschinenfarben an. Einen Namen machte sich die Lackfabrik mit der als Nerchauer Weiß bezeichneten Lackfarbe.

Der zweite Weltkrieg hinterließ schwere Zerstörungen und brachte die Produktion zum Erliegen. Auf Befehl der Sowjetischen Militäradministration wurden Farbenwerk und Lackfabrik 1946 enteignet und zu einem Unternehmen zusammengeführt. Nach Beseitigung der Kriegsschäden lief die Produktion wieder an. Der Mangel an Rohstoffen erlaubte anfänglich nur die Herstellung minderwertiger Anstrichstoffe. Neben Öllack- und Alkydharzfarben gewann die Produktion von Rostschutzgrund- und -deckfarben für Eisenbahn, Kraftwerks- und Fördertechnik zunehmend an Bedeutung.

Anfang der 50er Jahre ging eine Anlage zur Erzeugung synthetischer Eisenoxidpigmente in Betrieb, die später ausgebaut und modernisiert wurde. In diese Zeit fällt auch der Beginn der Herstellung anspruchsvoller Künstlerölfarben in Nerchau, die in Zusammenarbeit mit der Kunsthochschule Berlin-Weißensee entwickelt wurden. Mit der Übernahme der Malfarbenproduktion der traditionsreichen Dresdner Firma Neisch & Co. erweiterte sich das Produktionsprogramm um Gouache-, Tempera- und Aquarellfarben sowie Lasur- und Tuschierfarben. Im Ergebnis weiterer Eingliederungen von Betrieben vereinigte die Farbenfabrik Nerchau 1980 die Kompetenz von vier traditionsreichen Künstlerfarbenherstellern.

Der mit der Bildung von Kombinaten forcierte Konzentrationsprozeß der DDR-Wirtschaft führte zu einer stärkeren Spezialisierung. Die Farbenfabrik Nerchau gehörte zum Kombinat Lacke und Farben und versorgte mit ihren Produkten im wesentlichen den Binnenmarkt der DDR. Das Sortiment umfaßte neben Eisenoxidpigmenten unter anderem Farbkonzentrate, Anstrichstoffe sowie Künstler- und Malfarben. Besonderer Beliebtheit erfreuten sich vor allem bei den Kindern die pastösen Malfarben. "Wir fuhren volle Leistung und waren am Ende angesichts fehlender Investitionsmittel nicht mehr in der Lage, den Verschleiß der Anlagen aufzuhalten", beschreibt Röber die Situation Ende der 80er Jahre. Dennoch erfreuten sich die Nerchauer Erzeugnisse großer Beliebtheit.

Buntfarben-Standort: Innovative Produkte für eine erfolgreiche Zukunft

Bei der mit der Übernahme der Caparol-Firmengruppe einhergehenden Neuorientierung wurden Produktpalette, Qualität und Wirtschaftlichkeit einer kritischen Analyse unterzogen. Ihrem Ergebnis trug eine konsequente Sortimentsbereinigung auf der Grundlage der Modernisierung der Anlagentechnik Rechnung. Als entscheidende Schritte erwiesen sich dabei die Verlagerung der Alpina Color- und AVA-Herstellung (Abtönfarben) aus anderen Caparol-Produktionsstätten sowie die Wiederbelebung der Produktion von Industriefarbpasten, die mit dem Zusammenbruch der DDR-Großchemie nach der Wende zurückgefahren wurde. Mitte der 90er Jahre nahm der Bedarf an Industriefarbpasten zum Einfärben von Siliconkautschuk und Flüssigkunststoffen auf dem Markt wieder zu.

Bei den Mal- und Künstlerfarben duldete der Wandel von den klassischen zu den modernen Farben keinen Aufschub mehr. Zwar werden weiterhin Künstleröl-, Tempera- und Aquarellfarben angeboten, doch Acrylsysteme, die universell einsetzbar, alterungsbeständig und ökologisch unbedenklich sind, werden bevorzugt. Diesem Bedarf trägt der Hersteller mit innovativen Entwicklungen Rechnung. Differenziert stellt sich der Markt bei den Schulmalfarben dar: Während in den alten Bundesländern traditionell der Tablettenfarbe der Vorzug gegeben wird, stehen die pastösen Farben aus Nerchau in den neuen Ländern höher im Kurs. Sie fördern die Kreativität beim Malen und führen die Kinder an den Umgang mit Künstlerfarben heran.

Wolfram Strehlau

Kontakt

Caparol Farben Lacke Bautenschutz GmbH
Roßdörfer Str. 50
D-64372 Ober-Ramstadt
Caparol Farben Lacke Bautenschutz GmbH
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