Kritik des Verband IT-Mittelstand: Politik verschenkt Zukunftschancen des IT-Nachwuchses

Für den VDEB Verband IT-Mittelstand e.V. ist Qualifizierung und Ausbildung ein Kernanliegen. Allerdings wird das Engagement des IT-Mittelstands von der Politik nicht ausreichend gewürdigt.
(PresseBox) (Aachen, ) Die globalisierte Welt unterliegt einer enormen wirtschaftlichen, technologischen und sozialen Dynamik. Gesellschaften und Unternehmen, die diese Entwicklungen als Chance und eben nicht als Bedrohung begreifen, werden in Zukunft erfolgreich sein. Dies gilt insbesondere für die IT-Branche. Es sind Mitarbeiter und IT-Spezialisten gefragt, die fähig sind, in einer Zeit des beschleunigten Wandels und technologischen Umbruchs kreative Ideen zu entwickeln und solide Lösungen anzufertigen. Wettbewerbsfähigkeit beruht heute auf Wissensvorsprüngen. Wissen ist ein Standortfaktor. Ohne Neugierde, Weltoffenheit und einen Enthusiasmus für Innovationen wird jedoch kein Fortschritt erreicht. Gelingt es unserem Bildungssystem aber diese Begeisterung zu initiieren? Ist es in der Lage, den jungen Menschen das Wissen und die Werkzeuge zu geben, welche sie benötigen, oder erweist es sich als schwerfällig und unreformierbar?

Schon seit Jahren wird der Fachkräftemangel in der Informationstechnik (IT) beklagt. Die Rufe nach einem Ausbau des Informatikunterrichts sind zu einem Ritual geworden, ändern aber faktisch sehr wenig. Besonders in der IT-Branche besteht das Kapital eines Unternehmens jedoch im Wissen der Mitarbeiter. Qualifizierte Mitarbeiter werden gesucht.

Keine Unterstützung für den IT-Mittelstand, verfehlte Industriepolitik

Der IT-Mittelstand leistet durch Ausbildung und Beschäftigung einen wertvollen Beitrag zur Weiterentwicklung des Wirtschaftstandorts Deutschland und eröffnet jungen Menschen eine Lebensperspektive. Allerdings kann der IT-Mittelstand sich aufgrund seiner begrenzten Ressourcen nicht immer in unmittelbarer und zufriedenstellender Weise an der Weiterentwicklung eines zukunftsfähigen Ausbildungssystems und ähnlichen strategischen Themen beteiligen. Das operative Tagesgeschäft lässt wenig Spielraum für langfristige Planungen. Der IT-Mittelstand braucht flexible Unterstützungsstrukturen und offene Kommunikationsschnittstellen zur Gesellschaft, deren Zweck nicht die bürokratische Kontrolle von Prozessen, sondern das Hervorbringen von Innovationen ist. Die Cluster-Politik, bei der Fördermittel auf Großunternehmen konzentriert wurden, erweist sich in dieser Hinsicht als Fehlschlag. Gerade in Krisenzeiten offenbaren sich die Schwachstellen dieser Form der Industriepolitik, die kleinere und mittlere IT-Unternehmen (IT-KMUs) nur als Zulieferer der IT-Industrie versteht, jedoch nicht als eigenständige Produktentwickler mit unabhängigem Marktpotenzial betrachtet.

Hier ist die Politik in Zusammenarbeit mit dem Verband IT-Mittelstand e.V. gefordert, neue, praxistaugliche Konzepte zu entwickeln, die sich an der Problemlage der mittelständischen IT-Wirtschaft orientieren.

Greencard gescheitert, IT-Fachberufe in Gefahr

Die kleineren und mittleren IT-Unternehmen können sich anders als die Großunternehmen nur unzureichend auf dem internationalen Arbeitsmarkt bedienen. Die Einkommensforderungen von Akademikern mit weltweiten Karrierechancen sind für die IT-KMUs zu hoch. Der Misserfolg des Greencard-Modells bestätigt dies heute. Der IT-Mittelstand ist auf fähigen Nachwuchs aus dem heimischen Bildungssystem angewiesen. Deswegen ist für den Verband IT-Mittelstand das Engagement für eine bessere Nachwuchsförderung eine vorrangige Angelegenheit. Selbstverständlich werden in dieser Hinsicht auch mehr Hochschulabsolventen benötigt, aber ebenso wichtig ist die Ausbildung in den IT-Fachberufen. Die IT-Fachberufe ermöglichen es, qualifizierte, praxisorientierte Mitarbeiter für die IT-KMUs heranzubilden, die mit den Produkten und Dienstleistungen des Unternehmens eng vertraut sind. Nach Auffassung des VDEB wird beispielsweise der Bedarf an Fachinformatikern/innen in Zukunft wachsen. Besorgniserregend ist in diesem Zusammenhang die zunehmend sinkende Berufsfähigkeit und Ausbildungsreife bei vielen Jugendlichen. Dies erscheint als ein Problem von gesamtgesellschaftlicher Tragweite, dem bereits in der kindlichen Erziehung und den allgemeinbildenden Schulen entgegen gesteuert werden muss. Nach dem Schock der PISA-Studie, in der sich die Schwachstellen der mathematischen und sprachlichen Bildung in Deutschland offenbarten – beides unerlässliche Voraussetzungen für die Arbeit in komplexen IT-Projekten – wird derzeit schleichend zur Tagesordnung übergegangen. Der Bericht „Bildung auf einen Blick“ der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) lässt ein erschreckendes Licht auf die gegenwärtige Lage fallen. Bei den Anteilen für Bildungsausgaben am Bruttoinlandsprodukt belegt Deutschland mit unter fünf Prozent Platz 23 von 28 OECD-Ländern.1 Dies ist ein besorgniserregender Zustand für ein Land, dessen maßgeblicher Rohstoff Bildung ist. Neuere politische Verkündigungen dem entgegenzuwirken, werden vom Verband IT-Mittelstand begrüßt, deren Umsetzung allerdings kritisch beobachtet und begleitet werden.

Hochschulbildung

Manche Mitarbeiter beabsichtigen, sich früher oder später auf höhere berufliche Positionen vorzubereiten. Für diejenigen Mitarbeiter, die leistungsfähig und wissbegierig sind und sich für Leitungsfunktionen qualifizieren wollen, darf es heute keine Bildungssackgassen mehr geben und es sollte die Möglichkeit eines Studiums neben dem Beruf ermöglicht werden. Der tertiäre Bildungsbereich des deutschen Staates und der EU sollte im Zeitalter der Wissensgesellschaft, in der Biographien zunehmend individueller werden, allen offen stehen, die Hochschulabschlüsse erwerben wollen. Eigenschaften von Mitarbeitern wie Flexibilität, Mobilität, Leistungsorientierung und Lernbereitschaft, die von Wirtschaft und Staat heute eingefordert werden, dürfen nicht durch administrative Hindernisse gehemmt werden, sondern müssen gefördert werden. Idealerweise sollte ein permeables und flexibles System der IT-Qualifizierung entstehen, das Unternehmen wie Mitarbeitern die Optionen eröffnet, ihre Bedürfnisse und Wünsche gemäß ihrer Leistungsfähigkeit zu realisieren. Der Mitarbeiter kann sich für einen Berufsabschluss entscheiden oder seinen Berufsweg durch Kombination verschiedener Qualifikationsabschlüsse gestalten. Vergleichbar dem European Credit Transfer System (ECTS) sollte eine Anrechung von Lernleistungen auf weiterführende Qualifikationen ermöglicht werden.

Die Neugestaltung des europäischen Hochschulsystems im Rahmen des Bologna-Prozesses bietet hierzu vielversprechende Ansätze. Eines der Ziele von Bologna war es, die Berufsqualifizierung/ Beschäftigungsfähigkeit der Absolventinnen und Absolventen stärker zu gewährleisten. Der Bachelor ist als ein berufsbefähigender Abschluss konzipiert, der schon nach drei bis vier Jahren den Berufseinstieg ermöglichen soll. Etliche Bachelor-Studiengänge sind spezialisierter als die bisherigen Abschlüsse mit Diplom und Staatsexamen, die auf die weitgehende Aneignung des gesamten Fachwissens abzielten.

Mit der Einführung des Bachelor und der Fortführung zum Master wurden neue Chancen für eine Verbindung von Beruf und Hochschule geschaffen. Auf Grundlage des Bachelor könnte ein sehr viel übersichtlicheres, simpleres und deswegen praxistauglicheres und effektiveres System geschaffen werden als es gegenwärtig besteht, wenn denn die richtigen Weichen jetzt gestellt werden.

Ohne qualifizierte Mitarbeiter kein Wachstum

Alle Aspekte der Nachwuchsförderung dienen der Gewinnung, Förderung und letztendlich Bindung von Mitarbeitern. Die Interessen der Arbeitgeber nach verlässlichem, motiviertem und qualifiziertem Personal befinden sich hier in Übereinstimmung mit den Wünschen der Mitarbeiter nach Berufsperspektiven und sicherer Beschäftigung. Dazu ist es jedoch notwendig, angemessene und effiziente Bildungsstrukturen zu schaffen.

In diesem Sinne sind die nun folgenden Forderungen ein Gesprächsangebot an die Politik, aus dem hoffentlich konkrete Maßnahmen zur Verbesserung der IT-Nachwuchsförderung in Deutschland entstehen werden.

Forderungen und Lösungsvorschläge

• Entwicklung eines integrativen Unterrichtkonzeptes für Informatik an Schulen, welches Chancen für zukünftige Anwender und Spezialisten eröffnet. Alle Schüler sollten in Form eines verpflichtenden Grundkurses in IT unterrichtet werden.
• Aufnahme des Faches Informatik in den Prüfungskanon für das Abitur.
• Mehr kompetente Lehrkräfte mit regulärer Informatikausbildung. Hier ist die Verbesserung der Lehrerausbildung hinsichtlich Praxisbezug und Aktualität der Unterrichtsthemen zu gewährleisten. Regelmäßige und systematische Lehrerfortbildung zur Aneignung des neuesten Stands der Technik ist erforderlich. Ein Benchmark der Lehrerausbildungsmethoden und Einrichtungen sollte geplant werden.
• Praxisnahe Lehrpläne und ein dezidierter Schwerpunkt Wirtschaftsinformatik bei der Berufsausbildung sind zu gestalten. Konzeption sachlich anspruchsvoller Lehrpläne für ein Vertiefungsfach Informatik in der Schule.
• Nachhaltige Berufsorientierungsveranstaltungen mit mittelständischem Schwerpunkt, Unterstützung von mittelständischen Initiativen, wie Besuche von Unternehmern an Schulen.
• Schaffung einer organisatorischen Schnittstelle mit Innovationsfunktion zwischen Verband IT-Mittelstand und Politik.
• Entwicklung eines Systems der Nachwuchsförderung unter Berücksichtigung der begrenzten Ressourcen des IT-Mittelstands für strategische Ausbildung. Eine gemeinsame Stiftung von Staat und IT-Mittelstand ist hier vorstellbar.
• Gemeinsame Initiativen von Politik und Verband zur Gestaltung von Lernortkooperationen mit Breitenwirkung.
• Überprüfung der öffentlich geförderten Fortbildungsmaßnahmen. Hier sind die derzeitigen Fortbildungsmaßnahmen kritisch zu evaluieren.
• Mittelstandsorientierte Hochschulausbildung auf Basis des Bachelor und Master. Für den Mittelstand sind nicht nur High-Professionals erforderlich sondern Mitarbeiter mit Transferwissen, die Ergonomie verstehen und Oberflächen gestalten können. Neben dem IT-Wissen ist Anwendungswissen aus den Kundenbranchen notwendig. Statt einer reinen IT-Fachausbildung ist eher eine Doppelqualifizierung anzudenken, die IT-Wissen und Anwenderwissen verknüpft.
• Politische Unterstützung für Beteiligung an internationalen Standardisierungsprozessen.

Die Veröffentlichung fand anlässlich der CeBIT-Pressekonferenz des Verband IT-Mittelstand am 4. März 2010 statt.

Teilnehmer der Veranstaltung waren:
• Dr. Oliver Grün, Vorstandsvorsitzender des VDEB Verband IT-Mittelstand e.V. und Vorstand der GRÜN Software AG
• Martin Hubschneider, Vorstand des VDEB Verband IT-Mittelstand e.V. und Vorstand der CAS Software AG
• Rolf Chung, Verbandsreferent des VDEB Verband IT-Mittelstand e.V.

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