Die Seidenstraße lebt wieder auf

PTV erstellt riesiges Güterverkehrsmodell für Kaukasus und Zentralasien im Rahmen des EU-Projekts TRACECA-IDEA
Berechnete Güterströme in Tonnen pro Tag für die Summe aller Gutarten auf der Straße, per Zug, Schiff und Pipeline (PresseBox) (Karlsruhe, ) Träume von Karawanen mit kostbaren Handelsgütern verbinden sich mit dem Begriff der Seidenstraße, der erstmals 1877 vom Geografen Ferdinand von Richthofen für den Handelsweg verwendet wurde. Lange schien er sozusagen vom Wüstensand verweht zu sein, doch ein EU-Projekt soll ihn neu beleben und den Warenaustausch zwischen Ost und West sowie den Infrastrukturausbau der Region fördern. Die PTV-Experten helfen dabei und erstellen ein Güterverkehrsmodell, das über alle bisherigen Größendimensionen hinaus geht.

Mit dem Projekt TRACECA-IDEA (Interoperability and Transport Dialogue between the EU, its neighbouring countries and Central Asian Countries) will die EU den Güteraustausch zwischen den Kontinenten verbessern. Zentrale Aufgabe ist es, die Transportpolitik und Transportgesetzgebung zu harmonisieren sowie multimodale Transportketten aufzubauen. Hemmnisse an Grenzen sollen abgebaut und der freie Warenaustausch gefördert werden. Das Vorhaben wird zudem die Zusammenarbeit der TRACECA-Länder im Kaukasus und in Zentralasien erhöhen, zur politischen Stabilisierung der Region beitragen und die wirtschaftliche Entwicklung fördern.

Für die Umsetzung von TRACECA-IDEA, das noch bis Mai 2012 laufen wird, beauftragte die Europäische Kommission ein Konsortium, das geleitet wird vom italienischen Unternehmen TRT (Trasporti e Territorio Mailand). Unterstützung aus Deutschland erhält es von der PTV, Dornier Consulting, und Alfen Consulting.

Spezielle Aufgabe der PTV ist es, das Vorhaben von verkehrsplanerischer Seite zu unterstützen. Dazu gehört, die gegenwärtigen Verkehrsströme zu quantifizieren, die künftige Entwicklung zu prognostizieren sowie Engpässe und Hindernisse zu erkennen. Außerdem sollen Maßnahmen abgeleitet und deren Auswirkungen festgestellt werden. Dies schafft gleichzeitig eine Grundlage für die Bewertung der Projekte für Investoren und Partner im Public-Private- Partnership-Prozess.

Das bisher größte Güterverkehrsmodell

Da die Qualität der bisher erstellten Verkehrsmodelle eher unzureichend war, übernahm die PTV die Aufgabe, für diese Region ein Güterverkehrsmodell zu erstellen. Neben den 13 Teilnehmerländern musste in jedem Fall der Süden Russlands zum engeren Untersuchungsraum hinzugenommen werden. Zum Umland gehören der Rest Russlands, der Iran, China, Europa und als Quelle und Ziele der Nachfrage auch die anderen Kontinente. Damit stellt das Modell bezüglich Untersuchungsraum und Streckennetz das größte Güterverkehrsmodell dar, das je von der PTV erstellt worden ist.

Das Untersuchungsgebiet hat eine Ost-West-Ausdehnung von knapp 5.000 km, die maximale Nord-Süd-Ausdehnung beträgt 2.300 km. Die Fläche des Untersuchungsgebietes, in dem über 250 Millionen Menschen leben, umfasst nahezu 5.500.000 km². Dieses Gebiet wird in Form von 172 Verkehrsbezirken abgebildet, wobei 123 davon auf die TRACECA-Länder und 13 auf das russische Gebiet nördlich des Kaukasus zwischen der Ukraine und Kasachstan entfallen. Eine besondere Herausforderung liegt hier in der Heterogenität des zu untersuchenden Gebietes im Hinblick auf Bevölkerungsdichte, Einkommensverteilung, Wirtschaftsstärke und nicht zuletzt Ausstattung der Verkehrsinfrastruktur.

Das Streckennetz wurde mit dem Modul VISUM der Verkehrsplanungssoftware PTV Vision vollständig neu aufgebaut, umfasst für alle Verkehrsträger die wichtigsten überregionalen Verbindungen und weist folgende Dimensionen auf: Gesamtlänge Straßennetz 470.000 km, Schienennetz 300.000 km, Seeverbindungen und Pipelines 190.000 km.

Neben den TRACECA-Ländern wurde das Streckennetz in adäquater Dichte auch für alle angrenzenden Länder bzw. Regionen implementiert, nicht zuletzt um Alternativrouten für Güterströme abbilden zu können.

Trasse der Ideen

Das TRACECA-IDEA-Güterverkehrsmodell wurde als strategisches Planungswerkzeug zur Entscheidungsfindung entwickelt, mit dessen Hilfe die Auswirkungen zukünftiger Infrastrukturmaßnahmen bewertet werden können. Das Modell berechnet multimodale Güterströme (sowohl Binnenverkehr als auch Import, Export und Durchgangsverkehre) und liefert Aussagen über Defizite im Streckennetz, wie fehlende Netzverbindungen, Kapazitätsengpässe an Häfen und Umschlagpunkten oder Kapazitätsprobleme an Grenzübergängen.

"Der Nutzen des Projektes ist vielfältig." erklärt Dr. Uwe Reiter, Director International Consulting bei PTV und Projektverantwortlicher. "Er reicht von der Analyse der jetzigen Transportsituation bis hin zur Prognose künftiger Verkehrsströme. Auch die Qualifizierung entsprechender Mitarbeiter der TRACECA-Büros im Bereich Verkehrsplanung und Modellierung wird langfristige Vorteile zeigen. Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Finanzierung von Projekten und der Ideenaustausch zwischen den Teilnehmerländern."

Blick nach vorn

Die Zukunft wird eine engere Anbindung der TRACECA-Länder an die EU bringen. Sichere Landverbindungswege, reduzierte sowie planbare Kosten und Transportzeiten lassen den Korridor zu einer echten Alternative für den See- oder Flugverkehr bzw. den Umweg über Russland werden. Mit der Reduzierung der Länge der Transportwege lässt sich auch der Energieverbrauch verringern. Ein deutliches Plus für die Umwelt und die Bewohner der Region. Diese werden vor allem vom Aufbau einer grenzüberschreitenden Infrastruktur profitieren. Der Traum von der Seidenstraße ist also lange noch nicht ausgeträumt, sondern wieder mitten im Entstehen.

Das Güterverkehrsmodell

Für die Modellierung des multimodalen Güterverkehrs gibt es bisher keine fertige, standardisierte Softwareanwendung wie beispielsweise für die Nachfrageberechnung des Personenverkehrs. Die Verkehrsexperten entwickelten deshalb eine eigene Methodik, um unter Verwendung der PTV- Verkehrsplanungssoftware VISUM und VISEVA die Besonderheiten, die bei der Güterverkehrsmodellierung bestehen, nachzubilden. Das Grundprinzip des multimodalen Verkehrsmodells besteht darin, den komplexen und heterogenen Güterverkehr in separate Gutarten zu unterteilen, für die jeweils getrennt voneinander Verkehrserzeugung, Verkehrsverteilung und Umlegung (simultane Routen- und Verkehrsmittelwahl) gerechnet werden. Für das TRACECA-Modell werden etwa 50 unterschiedliche Gutarten betrachtet: von landwirtschaftlichen Produkten und Nahrungsmitteln über Rohstoffe, Baumaterialien bis hin zu chemischen Produkten, Erdöl, Erdgas, Mineralölprodukten und Verbrauchsgütern. Neben einem Analysemodell für das Jahr 2008 werden Prognosemodelle für die Zeithorizonte 2020 und 2030 erstellt. Während das Analysemodell dazu dient, das Güterverkehrsmodell zu kalibrieren und Aussagen über gegenwärtige Kapazitätsdefizite zu liefern, sollen die Prognosemodelle die zu erwartenden Güterströme und die Wirkung geplanter Maßnahmen vorhersagen.

Das TRACECA-Projekt

Bereits 1993 wurde mit Unterstützung der EU und zahlreicher Anrainerstaaten entlang des ehemaligen Handelsweges das TRACECA- Programm (Transport Corridor Europe ? Caucasus Asia) ins Leben gerufen. Zu den teilnehmenden Ländern gehören Armenien, Aserbaidschan, Bulgarien, Georgien, Kasachstan, Kirgisien, Moldawien, Rumänien, Tadschikistan, die Türkei, Turkmenistan, die Ukraine und Usbekistan. Damit setzt die EU ihre Bemühungen fort, die nachbarschaftlichen Beziehungen zu den Ländern des Kaukasus und in Zentralasien zu stärken. Frühzeitig wurde erkannt, dass für einen freien Handels- und Warenaustausch gut funktionierende Verkehrsverbindungen unerlässlich sind. Um die Handels- und Wirtschaftspotenziale zwischen Europa und Asien besser auszuschöpfen, ist eine Wiederbelebung der eurasischen Landbrücke von großem Nutzen.

Lesen Sie auch unseren Hintergrundbericht zu diesem Thema unter: http://www.ptv.de/... Rubrik Traffic

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