Generalversammlung von ABB, April 2011

Hans Ulrich Maerki: ABB-Verwaltungsratsmitglied
(PresseBox) (Mannheim, ) Bei der letztjährigen Generalversammlung hatten wir für ABB das härteste Jahr nach der grossen Finanz- und Wirtschaftskrise von 2008 in Aussicht gestellt und entsprechende Gegenmassnahmen erläutert. Die Krise hat einige der spätzyklischen ABB Märkte erst 2009 und im Verlauf des letzten Jahres getroffen. Dies gilt zum Beispiel für den grossen Markt für Energieinfrastruktur.

Heute können wir feststellen: ABB hat das schwierige Jahr 2010 gut gemeistert. Wir sind gestärkt aus der Krise hervorgegangen.

Konzernchef Joe Hogan wird detailliert auf die Entwicklung im Jahr 2010 eingehen und unsere Ziele für 2011 erläutern. Erlauben Sie mir, an dieser Stelle auf die gute Ertragskraft des Jahresausweises einzugehen.

Wir sind mit einer operativen Gewinnmarge von 13,1 Prozent in unserem 2006 aufgestellten Ebit-Zielkorridor geblieben. Dies war vor allem auf der Energietechnikseite ein hartes Stück Arbeit. Geholfen hat uns die erfolgreiche Umsetzung des 2008 angekündigten Sparprogramms. ABB hat heute eine um drei Milliarden schlankere Kostenstruktur gegenüber Ende 2008. Wir sind das Thema mit Augenmass angegangen, und haben Kosten vor allem beim Einkauf und durch Produktivitätsverbesserungen reduziert. Dies sind langfristig wirksame Einsparungen. Arbeitsplätze wurden nur dann abgebaut, wenn es langfristig erforderlich war, Produktionsstandorte zu reduzieren.

Mit einem Eigenkapital von 15,5 Milliarden US-Dollar zum Jahresende 2010 erreichte ABB zudem einen neuen Rekordstand. Die ABB Bilanz gehört heute, auch nach dem Kauf von Baldor, zu den stärksten im Industriesektor.

Die ABB hat 2010 gut gewirtschaftet und steht auf einem starken finanziellen Fundament, das uns entsprechende unternehmerische Freiräume gibt.

ABB ist trotz der schwierigen Marktlage und der Umsetzung des strengen Kostensparprogramms 2010 entschlossen weiter in die Vorwärtsbewegung gegangen.

So hat sich etwa die Neuorganisation des Automationsgeschäfts bewährt und konnte in diesen Geschäftsfeldern ein sehr gutes Ergebnis einfahren. Aufträge, Umsatz und Ertrag stiegen 2010 im zweistelligen Bereich.

Das gleiche gilt für den neuen Bereich 'Marketing und Kundenlösungen', der dazu beitrug, ein weit überdurchschnittliches Wachstum bei Solarenergie, Windkraft, Wasser, sowie im Eisenbahnsektor und in unserem Servicegeschäft zu erzielen.

Das hier angesiedelte, 2009 gegründete Venture-Capital-Geschäft hat vielversprechende Investitionen in Bereiche wie Energiegewinnung aus Wellenkraft oder in das US-Unternehmen ECOtality getätigt, das in den USA zu den führenden Unternehmen bei der Errichtung von Stromtankstellen gehört. Vor einigen Wochen ist es uns zudem gelungen, einen Anteil an der deutschen Novatec zu erwerben. Somit haben wir nun Zugang zu Spitzentechnologie für die Stromerzeugung aus Solarenergie.

ABB hat im letzten Jahr vier Milliarden in Forschung und Entwicklung sowie in den Vertrieb investiert. Dies ist ein Anstieg von 24 Prozent gegenüber der Zeit vor der Weltwirtschaftskrise.

Diese Investitionen zahlen sich aus. Produkte, die wir während der Finanzkrise entwickelt haben, hatten einen vielversprechenden Start, so etwa unsere neuen Robotiklösungen oder unsere neue umfangreiche Produktfamilie von Solar-Wechselrichtern - um nur zwei Beispiele zu nennen.

In der Hochspannungstechnik konnten wir abermals Rekordmarken setzen, beispielsweise bei der Weiterentwicklung der Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragung.

Dies ist die Technologie, die unter anderem den Anschluss von erneuerbaren Energien ans existierende Stromnetz ermöglicht. ABB hat vor mehr als fünfzig Jahren die Hochspannungstechnologie für Gleichstrom zur Marktreife gebracht. Diese Erfolgsgeschichte setzt sich fort.

So erhielten wir im Jahr 2010 einen neuen Rekordauftrag für die Stromübertragung. Wir werden die Umrichterstationen und ein 165 Kilometer langes unterirdisches Kabel für die Anschliessung des 800-Megawatt-Windparks Dolwin-1 in der Nordsee an das deutsche Festlandnetz liefern. Dabei wird genügend Strom aus Windkraft für 800,000 deutsche Konsumenten durch ein Kabel geleitet, dass nicht dicker ist als der Durchmesser einer Kaffeeuntertasse. Das ganze ist umweltverträglich, fast ohne elektromagnetisches Feld und ölfrei.

Ohne Gleichstromtechnologie ist die zuverlässige Integration von erneuerbarer Energie aus Wind oder Sonne nicht möglich. Wesentliche Elemente wie die Leistungselektronik und die Halbleitertechnologie werden dabei im Forschungszentrum Dättwil in der Schweiz entwickelt. In Lenzburg haben wir in den Krisenjahren 120 Millionen Franken in eine ultramoderne Fabrikerweiterung für Halbleiter der neusten Generation investiert. Die neuen Kapazitäten sind bereits heute wieder voll ausgelastet.

Der Verwaltungsrat möchte an dieser Stelle dem Team von Joe Hogan und allen ABB-Mitarbeitenden im Namen des Verwaltungsrats ein grosses Lob aussprechen für ihren hervorragenden Einsatz im Jahr 2010.

Von der guten Leistung im letzten Jahr und der Zuversicht in die weitere positive Geschäftsentwicklung sollen auch Sie als Aktionäre profitieren. Der Verwaltungsrat schlägt daher vor, die Dividende auf 0,60 Schweizer Franken anzuheben, was einem Anstieg von fast 18 Prozent entspricht. Aufgrund der neuen Schweizer Steuergesetzgebung wird Ihnen im Fall der Annahme die Dividende abermals verrechnungssteuerfrei ausgezahlt.

Die Entwicklung auf den meisten unserer Märkte im zweiten Halbjahr [und im ersten Quartal 2011] stimmt uns zuversichtlich.

Wir können feststellen, dass die langfristigen Markttrends, namentlich die Erhöhung der Energieeffizienz und Produktivität, als auch das Bedürfnis nach einem zukunftsfähigen stabilen Stromnetz, unverändert stark sind.

Hinzu kommt das weit überdurchschnittliche Wachstum in Schwellenländern, getrieben durch den Hunger der Bevölkerung nach Elektrizität und der rasanten Entwicklung der Industriesektoren, vor allem in China.

Hier hat ABB hervorragende technologische Lösungen: ABB ist heute einer der Weltmarktführer bei den Niederspannungsantrieben und energieeffizienten Elektromotoren. Mit dieser Technologie halfen wir unseren Kunden, im Jahr 2010 mehr als 220 Milliarden Kilowattstunden an Strom und entsprechenden CO2 Emissionen einzusparen. Dies entspricht der eingesparten jährlichen Produktion von etwa 37 grossen Kraftwerken. Bei einem derzeitigen Ölpreis von mehr als 100 US-Dollar pro Barrel ist der Kauf eines Niederspannungsantriebs von ABB eine sehr interessante Investition für unsere Kunden. Häufig hat sich ein solcher Antrieb bereits in weniger als einem Jahr amortisiert.

ABB ist ein bestens fokussiertes Unternehmen der Energie- und Automationstechnik und somit nicht nur technologisch und auf der Produktseite sondern auch aufgrund seiner geographisch ausbalancierten Marktstellung hervorragend aufgestellt, um von den erwähnten Markttrends zu profitieren.

Im letzten Jahr konnte ABB seine Markposition vor allem im Automationsgeschäft kräftig ausbauen. Dennoch spüren wir vor allem in den aufstrebenden Märkten Asiens zunehmend den Druck neuer Wettbewerber, die mit hoher Aggressivität agieren.

Der Verwaltungsrat hat sich auf verschiedenen Reisen vor Ort und im intensiven Dialog mit den Verantwortlichen der Divisionen und der Ländergesellschaften ein Bild gemacht und entsprechende Gegenmassnahmen eingeleitet. So haben wir beispielsweise in China erfolgreich eine Marke im Niederspannungsgeschäft etabliert, die mit solider Technologie preislich wettbewerbsfähig ist. In anderen Bereichen hilft uns der Kostenvorteil als grosser Einkäufer, etwa bei den Rohstoffen. Verwaltungsrat und Vorstand sind überzeugt, dass wir uns auf dem richtigen Wege befinden.

Im letzten Jahr hat ABB erstmals in mehr als 10 Jahren wieder grosse Akquisitionen getätigt. Dabei konnten wir mehrere in ihren Bereichen sehr starke Unternehmen erwerben, deren Tätigkeiten die Produkte und Marktpositionen von ABB hervorragend ergänzen und die in den uns bekannten Märkten der Automations- und Energietechnik zu Hause sind.

ABB ist durch den Kauf der amerikanischen Baldor Electric für 3,2 Milliarden US-Dollar plus der Übernahme von einer Milliarde an Verbindlichkeiten über Nacht zu einem Markführer im attraktiven amerikanischen Markt für Elektromotoren geworden. Das Geschäft mit Elektromotoren versteht ABB bestens, da wir hier ausserhalb der USA bereits seit vielen Jahren zu den Marktführern gehören. Zudem ergänzt das Angebot von Baldor unser bestehendes amerikanisches Geschäft für Antriebe sehr gut. Baldor eröffnet ABB zudem erstklassige Vertriebskanäle. Umgekehrt bietet das weltweite ABB-Vertriebsnetz den Baldor-Produkten einen hervorragenden Marktzugang.

Der Zeitpunkt unseres Baldor-Kaufs hätte nicht besser sein können. In den USA ist im Dezember eine sehr strikte Gesetzgebung für Energieeffizienz von Elektromotoren in Kraft getreten.

Mit der Übernahme von Ventyx wurde ABB zudem zu einem der führenden Anbieter für Energiemanagement-Software, die Elektrotechnik und Informatik zusammenführt. Der Begriff 'Smart Grid' hat inzwischen den Weg aus den Labors in die Umgangssprache gefunden. Dahinter verbirgt sich eine langfristige Evolution des Stromnetzes. Eine wesentliche Entwicklung ist beispielsweise, dass immer mehr kleine Anbieter mit erneuerbaren Energien auf den Markt kommen. Die Stromnetze werden zunehmend Angebots- und Nachfrageschocks ausgesetzt sein. Die vielfältigen Stromflüsse zu steuern und zu optimieren, wird um ein vielfaches komplexer als heute.

ABB hat hier ein breites Potfolio an Lösungen und ist oftmals ein Technologieführer. Mit Ventyx kamen aufregende Entwicklungsbereiche hinzu, wenn es gilt, komplexe Stromflüsse zu steuern, abzurechnen und die Ausrüstung in Kraftwerken und Stromleitungen automatisch zu überwachen.

Abschliessend möchte ich noch einige Worte zu den turbulenten Ereignissen der vergangenen Monate und zur derzeitigen Lage auf unseren Märkten sagen.

In den letzten Wochen und Monaten erlebten wir politischen Umwälzungen und Unruhen in Nordafrika und im Nahen Osten. Hinzu kamen das Erdbeben und der Tsunami in Japan, die zu einem folgenschweren Reaktorunglück führten.

ABB ist heute in mehr als 100 Ländern tätig. Wo immer es zu Krisen kommt - häufig sind ABB-Mitarbeiter direkt oder indirekt betroffen. Ich möchte Ihnen an dieser Stelle versichern: Der Verwaltungsrat und der Vorstand achten ohne Kompromisse auf die Einhaltung höchster Sicherheitsstandards für unsere Mitarbeiter. In Nordafrika, dem Nahen Osten und Japan waren wir gut vorbereitet und Expertenteams haben es in wochenlanger, harter Arbeit geschafft, für die Sicherheit aller ABB-Mitarbeiter zu sorgen. Zum Glück sind keine Mitarbeiter von uns in all diesen Regionen zu Schaden gekommen. Allen Opfern und deren Familien gilt unsere grosse Anteilnahme.

Die erwähnten Ereignisse haben zu einer allgemeinen Verunsicherung geführt. Dennoch scheint nach einem anfänglichen Schock in der Realwirtschaft die Erholung vorerst robust voranzuschreiten.

Wie unser hervorragender Aufragseingang im ersten Quartal 2011 belegt, haben wir auf den Märkten weltweit eine Rückkehr zu einem breiten Wirtschaftswachstum erlebt, getrieben vor allem durch die Nachfrage aus Asien. Gleichzeitig bewegen sich die Rohstoffpreise weiter auf einem sehr hohen Niveau.

Dies bedeutet konkret für ABB beispielsweise höhere Materialkosten, etwa für das Kupfer in unseren Elektromotoren und Trafos. In vielen Bereichen können wir diese an unsere Kunden weitergeben.

ABB profitiert aber auch von dieser Entwicklung. Wie bereits erläutert, bietet wohl kein anderes Unternehmen dermassen überzeugende Lösungen zur effizienteren Nutzung von Energie und erneuerbare Energieformen an. Hinzu kommt unsere solide Stellung im Bereich der Automations- und Energietechnik für den Bergbau und die Metallindustrie. Bereiche, in denen die Investitionen stark anziehen angesichts der hohen Rohstoffpreise.

ABB steht heute gestärkt da und hat hervorragende Aussichten. Die turbulenten Ereignisse dieses Jahres bestärken uns in unserer Überzeugung: ABB muss zuallererst ihre Hausaufgaben machen:

Erstens - die Stärkung der eigenen Wettbewerbsfähigkeit durch Kostendisziplin,

Zweitens - ein weiterer Ausbau des Geschäfts in den aufstrebenden Märkten.

Drittens - unser positives Momentum bei der verbesserten Marktorientierung halten.

Viertens - verstärkte Investitionen in die Innovationskraft.

Grundlage hierfür wird ein solides finanzielles Fundament bleiben. Denn wir müssen in der Lage sein, auch in Zeiten hoher Unsicherheit unseren unternehmerischen und gesellschaftlichen Zielen gerecht zu werden.

Konzernchef Joe Hogan wird Ihnen nun den Bericht der Geschäftsleitung zum Jahr 2010 präsentieren und seine Prioritäten für 2011 erläutern. Ich möchte meine Ausführungen heute mit einigen würdigenden Worten zu Dr. Bernd Voss abschliessen, der sich entschlossen hat, sich nach mehr als sieben Jahren erfolgreicher Arbeit im Verwaltungsrat nicht mehr zur Wiederwahl zu stellen. Als Verwaltungsratsmitglied und Leiter des wichtigen Finanz-, Revisions- und Compliance-Ausschusses hat er massgeblich an der gesunden Entwicklung der ABB seit Ende 2002 teilgehabt. Dr. Voss war bereit, während der grossen ABB-Krise Verantwortung zu übernehmen. Dies erforderte damals erhebliche Courage.

Ich kann heute bestimmt sagen: Ohne sein grosses Engagement und seine herausragende Kompetenz als Finanzfachmann stünde ABB heute nicht dermassen solide und erfolgreich da.

Lieber Bernd, im Namen des Verwaltungsrats, der Konzernleitung und der Mitarbeitenden danke ich Dir herzlich für Deine grossen Verdienste um die ABB. Ich denke, diesen Dank darf ich auch im Namen der Aktionäre aussprechen.

Zur Neuwahl in den Verwaltungsrat wird Frau Ying Yeh vorgeschlagen. Ich werde im Traktandum 'Wahlen' näher auf Ihre Person eingehen.

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