Von der Theorie zur Praxis: Nachhaltigkeit und Recycling in der Selbstklebeetiketten-Industrie

(PresseBox) (EW The Hague, ) Jules Lejeune, Geschäftsführer des europäischen Haftetiketten-Verbandes FINAT, zu den bisher gemachten Fortschritten - und er ruft dazu auf, sich den noch verbleibenden Herausforderungen zu stellen.

In einer Industrie, in der sowohl die Wertekette als auch das Hauptprodukt komplex sind, überrascht es kaum, dass es seine Zeit dauert, bis man ein allumfassendes Programm für umweltfreundliche Geschäftsabläufe erarbeitet hat. Trotzdem habe ich in meiner Eigenschaft als Geschäftsführer des europäischen Haftetiketten-Verbandes im vergangenen Jahr bereits wesentliche Fortschritte gesehen, die praktische, messbare Ergebnisse bereitstellen und beweisen, dass unsere Branche wirklich die Theorie hinter sich gelassen und den Weg zu echter Nachhaltigkeit eingeschlagen hat.

Mit hohem Engagement hat sich der FINAT der Aufgabe verschrieben, seinen Mitgliedern eine Informationsquelle zur Verfügung zu stellen, die alle Aspekte des Umweltschutzes berücksichtigt. Eine wichtige Rolle spielen hier spezielle Unterausschüsse, die sich auf Nachhaltigkeit und Recycling sowie auf technische Fragestellungen und Testverfahren sowie Branchentrends konzentrieren. Unterstützt wird diese Arbeit durch zahlreiche technische Veröffentlichungen zu Industriestandards, durch Testverfahren und Veranstaltungen in ganz Europa. Auf dem Gebiet der Nachhaltigkeit ist der FINAT gegenwärtig aktiv an Projekten beteiligt, die sich mit dem Recycling des Trägermaterials von Etiketten aus Papier und Folie, mit der energetischen Verwertung des Gitterabzugs, der Lösung von Problemen mit der Kontaminierung von warmgeformten PET-Behältern durch Selbstklebeetiketten sowie mit der Festlegung von Parametern für umweltfreundliche Klebetechnologien befassen.

Das Tag & Label Manufacturers Institute (TLMI) der USA arbeitet als FINAT-Partnerverband ebenfalls sehr aktiv an der Lösung von Nachhaltigkeitsproblemen. Sein LIFE (Label Initiative for the Environment) Programm bietet einen geprüften Zertifizierungsprozess zur Nachhaltigkeit von Unternehmen, das auf die Weiterverarbeitung von Etiketten zugeschnitten ist. In diesem Zusammenhang hat das TLMI seine Arbeit in zwei Schwerpunktbereiche aufgegliedert, die den Gitterabzug und das Trägermaterial (Papier und Folie) zum Thema haben. Da sich der Wirkungsbereich des TLMI nur auf ein Land beschränkt, könnte man meinen, dass dessen Aufgabe leichter ist als die des FINAT, der etwa 50 eigenständige Staaten umfasst. Allerdings stellen die Entfernungen, die in den USA bei der Abfallerfassung überwunden werden müssen, eine große Herausforderung dar. Dem TLMI zufolge fallen in den USA derzeit etwa 270.000 Tonnen Gitterabzug an, von denen schätzungsweise nur ein Prozent recycelt wird. Für Europa stehen keine derartigen Zahlen zur Verfügung, doch möchte ich bezweifeln, dass die Situation bei uns besser aussieht.

Wir können auch mit Fug und Recht behaupten, dass unsere Branche jetzt weltweit den Schwerpunkt auf Nachhaltigkeit und Recycling legt. Der internationale Etikettenverband L9 hat sich einstimmig dafür ausgesprochen, die CO2-Bilanz in allen Bereichen der Haftetiketten-Lieferkette, von der Herstellung der Rohstoffe über die Endanwendung bis zum Recycling des Trägermaterials, zu verbessern. Dieser Verband, dem Mitglieder aus Australien, Brasilien, China, Indien, Japan, Mexiko und Neuseeland sowie der FINAT und das TLMI angehören, arbeitet aktiv mit Markeninhabern und großen Einzelhandelsketten sowie mit dem öffentlichen Sektor zusammen, um die Umweltverträglichkeit von Selbstklebeetiketten zu verbessern. Das ist ein faszinierendes Beispiel dafür, wie globale Ziele auf regionaler und lokaler Ebene verfolgt und erreicht werden können.

Ein wachsendes Spektrum an Chancen

Natürlich werden die Verwendungsmöglichkeiten für den Gitterabzug und verbrauchtes Trägermaterial ermittelt - vom Kreislauf-Recycling bis beispielsweise zu Brennstoffpellets, technischen Brennstoffen und Energieerzeugung aus Müll - ferner geprüft und von allen Etikettenverbänden den jeweiligen Mitgliedsunternehmen empfohlen.

Wie in allen verantwortlichen Branchen beginnt der Weg zum Erfolg auch in diesem Bereich mit schlanken Fertigungspraktiken und einer verbesserten CO2-Bilanz. Die FINAT-Mitgliedsunternehmen, einschließlich der Etikettenverarbeiter, Rohstofflieferanten, Hersteller von Druckmaschinen und dazugehöriger Technik sowie von automatischen Etikettenapplikatoren und Klebeetiketten-Laminiersystemen, sind auf diesem Gebiet bereits Experten. Auf allen Ebenen der Lieferkette wurden die Rüstzeiten und der Materialverbrauch bereits verringert. Darüber hinaus haben technische Fortschritte erhebliche Energieeinsparungen beim Trocknen, sowohl von Etiketten während der Herstellung als auch der Tinten auf der Druckmaschine, und auf anderen Gebieten erzielt. Die Weiterentwicklung der digitalen Technologie hat ebenfalls die Druckvorstufe sowie den digitalen Etikettendruck rationalisiert. Damit ist eine äußerst flexible Plattform für die Etikettenherstellung entstanden, die es sogar erlaubt, mehrere Etiketten-Kleinauflagen auf dem gleichen Material "huckepack" auf der Druckmaschine zu verarbeiten, so dass eine effiziente Nutzung von Material, Zeit und Energie gewährleistet ist. In einigen Ländern Europas, vor allem in Deutschland, wird eine konkrete finanzielle Unterstützung angeboten, um technische Fortschritte zur Förderung der Nachhaltigkeit zu erreichen. Zudem bieten führende Etiketten-Laminierbetriebe ihren Kunden in der Verarbeitung an, die Materialabfälle abzuholen.

Auf unserem jüngsten FINAT-Kongress hat ein "runder Tisch" Etikettenverarbeiter von beiden Seiten des Atlantiks zusammengebracht, die alle ihr Engagement bestätigten (und auch nachwiesen), um jede nur denkbare Chance zu nutzen, Abfall, Zeit und Kosten zu sparen. Davon profitiert nicht nur die Umwelt sondern auch ihr Unternehmen. Bei den Verarbeitern treten die selbstklebenden Etiketten das erste Mal physisch als Produkt in Erscheinung und werden dann an die Markenhersteller und Lohnverpacker übergeben, die sie applizieren. Während das Trägermaterial wichtig ist, um das Etikett beim Verpacker exakt, glatt und schnell aufzubringen, verbleibt der Gitterabzug beim Verarbeiter. Dort wird eine Lösung benötigt, um den Transport auf die Mülldeponie zu verhindern.

Klare Absage an die Mülldeponie

Es gehört zu den größten Herausforderungen des FINAT, die Verarbeiter in ganz Europa dabei zu unterstützen, den Gitterabzug nachhaltig zu verwenden. Hier stellt das bereits erwähnte Konzept der Energiegewinnung aus Müll eine Option dar. Außerdem kann der Gitterabzug heute bereits in Holz-Kunststoff-Verbundwerkstoffen verwertet werden.

Allerdings besteht für den FINAT heute die wichtigste Aufgabe darin, als Verband eine Kontrollkette für verbrauchtes Trägermaterial zu schaffen, die den Endanwender einschließt. Unternehmen, die sich entscheiden, daran teilzunehmen, können von Industrie-Recycling-Firmen eine finanzielle Vergütung für Trägermaterial aus PET und PP erhalten. Trägermaterial aus silikonisiertem Papier erfordert jedoch eine besondere Behandlung. In dieser Hinsicht nimmt Deutschland eine Vorreiterstellung ein. Der deutsche Fachverband für Hersteller selbstklebender Etiketten und Schmalbahnconverter (VskE) fördert aktiv das Recycling-Unternehmen Lenzing Papier in Österreich, das mit dem unabhängigen Recycling-Dienstleister Cycle4green (C4G) zusammenarbeitet. Gemeinsam schließen sie aktiv die Lücke zwischen Verarbeiter, Endanwender und Recycling. Es wurde ein regelmäßiger Abholzyklus für Trägermaterial von den Verpackungslinien der Endanwender eingerichtet, die von den Weiterverarbeitern benannt werden und die bereit sind, sich an diesem Programm zu beteiligen. C4G übernimmt die Logistik, d. h. das Abholen und Anliefern des Altmaterials, und pflegt die Kontakte zu seinen Kunden, d. h. den Verarbeitern und Markeninhabern.

Auch führende Hersteller von Trägermaterial haben zwei wichtige Initiativen zur Abfallerfassung in Mitteleuropa gestartet. UPM bietet in seiner Papierproduktion ein Kreislaufsystem zum Recyceln von Trägermaterial an. In der UPM-Papierfabrik in Plattling, Deutschland, wird das Silikon entfernt und das Material dann als Rohstoff für unterschiedliche Papierqualitäten genutzt. Diese Initiative steht der gesamten Etiketten-Wertekette in ganz Europa unabhängig von der Herkunft oder der Farbe des Tragematerials offen. Zusätzlich zu dem Etikettenabfall-Managementprogramm des Unternehmens werden auf den Kunden zugeschnittene Abfallerfassungssysteme und Logistiklösungen angeboten.

Erst kürzlich hat Ahlstrom angekündigt, dass es verbrauchtes Glassine-Trägermaterial (superkalandriertes Kraftpapier) erfassen und in seiner Papiermühle in Osnabrück für die Produktion seiner Spezialpapiere verwerten wird. Die Logistikpartner von Ahlstrom holen das Material ab einer bestimmten Mindestmenge kostenlos von den Markeninhabern und Druckereien ab. Das Programm wird für ganz Deutschland, Belgien, Luxemburg und die Niederlande angeboten.

Ein paralleles System befindet sich in der Schweiz in Vorbereitung. Dort haben drei führende Etikettendruckereien einen Streckenplan ihrer Kunden in den Industriegebieten des Landes erstellt, um verbrauchtes Trägermaterial durch den Logistikpartner C4G zum Recycling in Lenzing abzuholen. Das Programm wird zu gegebener Zeit kleineren Druckereien und deren Kunden, wie in Deutschland, zur Verfügung gestellt werden.

Dieses echte Kreislauf-Recycling scheint die beste Lösung für die Nutzung von wertvollem Papier-Trägermaterial zur Produktion von neuem Papier zu sein. Allerdings stehen die Unternehmen hier vor der Herausforderung, aus dieser Chance ein umfassend akzeptiertes Programm zu machen, um die Fabriken mit wirtschaftlich tragfähigen Mengen von Trägermaterial am Laufen zu halten und die Transporte auf die Mülldeponie zu verringern. Wie groß diese Herausforderung ist, zeigt sich daran, dass die Etikettenindustrie bisher mit weniger als zehn Prozent zum jährlichen Altpapiervolumen von Lenzing beiträgt.

Der mühsame Weg zum Erfolg

Daher benötigt die Selbstklebeetiketten-Branche Unterstützung von den Endanwendern, d. h. den Markeninhabern und Lohnverpackern, die die Etiketten einsetzen. Es ist gar nicht so einfach, die richtigen Kontakte zu knüpfen und das Abholen von Trägermaterial zu organisieren. Als erstes muss der Nachhaltigkeitsbeauftragte des Endanwenders, der häufig auf Vorstandsebene angesiedelt und weit vom Standort der Verpackungslinie entfernt ist, dem Verarbeiter oder dessen Vertreter die Teilnahme an dem Programm zusichern. Anschließend müssen noch die Leiter der Einkaufs- und Verpackungsabteilungen überzeugt werden, dass die Abfallerfassung wirklich Umweltvorteile und Kostensenkungen mit sich bringt, wobei hier weitaus geringere Mengen anfallen als beispielsweise bei Karton oder Kunststofffolien. Zu guter Letzt muss der Leiter des Standorts gewonnen werden: Er ist schließlich die Person, mit der die Vorbereitung des verbrauchten Trägermaterials und die Abholzeiten abgestimmt werden müssen. Das Einholen all dieser Zustimmungen kann bereits Wochen oder Monate in Anspruch nehmen.

Bitte machen Sie mit!

Allein in der Europäischen Union gibt es, glaube ich, etwa 8.000 Endanwender-Kunden von Selbstklebeetiketten-Verarbeitern. Sie alle sollten ihren Beitrag dazu leisten, nicht nur den "umweltfreundlichen" Ruf ihres eigenen Unternehmens sondern auch den der Haftetikettenindustrie insgesamt zu verbessern. In diesem Zusammenhang kann das Erfassen und das Recycling von Trägermaterial das Image von wertvollen Papierprodukten wesentlich verbessern. Im Namen der etwa 3000 Verarbeiter von selbstklebenden Etiketten in Europa möchte ich die Markeninhaber, vor allem jene in den Massenmärkten wie Lebensmittel, Getränke und Körperpflege, aufrufen, das Abholen von verbrauchten Trägermaterialien zu ermöglichen. Der FINAT hat es sich zur Aufgabe gemacht, dabei zu helfen, Möglichkeiten vor Ort zu finden, die auf den individuellen Bedarf der Unternehmen zugeschnitten sind und den Aufwand möglichst gering halten. Da die Kosten für die Rohstoffe weiter rasant ansteigen und die natürlichen Ressourcen der Welt begrenzt sind, bietet sich mit diesem Recycling eine echte Chance, zur Nachhaltigkeit einer führenden Technologie der Produktdekoration beizutragen.

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