Internationaler Gründach-Kongress 2013

Erster Bürgermeister Olaf Scholz verkündet Gründach-Strategie der Stadt Hamburg
Hamburgs Erster Bürgermeister Olaf Scholz verkündete auf dem Kongress exklusiv die Gründach-Strategie. V.l.n.r. Reimer Meier (Präsident DDV), Roland Appl (Präsident IGRA), Olaf Scholz (Erster Bürgermeister Hamburg) Copyright: IGRA (PresseBox) (Nürtingen, ) Mehr als 250 Teilnehmer aus über 40 Ländern nutzten die Plattform des 3ten Internationalen Gründach-Kongresses (13.-15. Mai), um sich in Hamburg über die Zukunftstrends der Dach- und Fassadenbegrünung zu informieren. Zu den besonderen Highlights der Veranstaltung gehörte der Auftritt des Ersten Bürgermeisters Olaf Scholz, der erstmalig die Planungen für die neue Gründach-Strategie der Freien und Hansestadt Hamburg öffentlich vorstellte.


Zu dem dreitägigen, fach- und länderübergreifenden Informationsaustausch unter der Schirmherrschaft des Bundesministers für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung, Dr. Peter Ramsauer, hatten die International Green Roof Association (IGRA) und der Deutsche Dachgärtner Verband (DDV) die Gründach-Branche nach Hamburg eingeladen. Vor dem Hintergrund der ebenfalls in Hamburg stattfindenden Events Internationale Gartenschau (IGS) und Internationale Bauausstellung (IBA) und der damit verbundenen Präsentation spektakulärer Landschaftsgestaltung und innovativer Wohnkonzepte gab es in diesem Jahr keinen passenderen Ort, um eine aktuelle Standortbestimmung der Dachbegrünung auf internationaler Ebene durchzuführen und zukünftige Anwendungsgebiete zu identifizieren.


Die grüne Stadt am Wasser kann zudem auf eine jahrzehntelange Tradition im Bereich der Dachbegrünung zurückblicken. Am ersten Kongresstag machten sich deshalb bereits mehr als 100 Exkursionsgäste in zwei Bussen auf den Weg, um verschiedene Gründach-Referenzprojekte in der Region Hamburg zu erkunden. Eine 70 Jahre alte Siedlung mit begrünten „Norwegerhäusern“ im Hamburger Nordosten wurde genauso besichtigt, wie eine Kindertagesstätte mit extensiver Schrägdach-Begrünung, auf Tiefgaragendecken gestaltete grüne Innenhofoasen, die als Mitarbeitertreffpunkt und Eventfläche genutzte Dachterrasse des Unilever-Gebäudes in der Hafencity oder auch der Neubau der Gorch-Fock-Schule, auf dessen Dachfläche sich die Laufbahn eines Sportplatzes befindet. Kamerateams des ZDF, NDR und RBB begleiteten die Gründach-Exkursionen und sorgten dafür, dass das Dachbegrünungsthema neben der Fachwelt auch Millionen von Fernsehzuschauern erreichte.


Die offizielle Begrüßung der Teilnehmer durch die Veranstalter und Kooperationspartner fand im Rahmen eines abendlichen „Get together“ im Tagungsort Hotel Empire Riverside statt. Senatorin Jutta Blankau von der Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt (BSU) der Stadt Hamburg, August Forster Präsident des Bundesverbandes Garten-, Landschafts- und Sportplatzbau (BGL), Ilya Mochalov Generalsekretär der International Federation of Landscape Architects (IFLA) und die Präsidenten der beiden gastgebenden Verbände Roland Appl (IGRA) und Reimer Meier (DDV) stellten in ihren Grußworten die Bedeutung begrünter Dächer für eine nachhaltige und zukunftsorientierte Stadtentwicklung in den Fokus. Bis weit in den Abend hinein wurde anschließend lebhaft diskutiert, alte Freunde begrüßt und neue Kontakte geknüpft.


Das von der amerikanischen Gründach-Expertin Linda Velazquez moderierte Vortragsprogramm an den beiden folgenden Kongresstagen lieferte den mehr als 250 Teilnehmern aus über 40 Ländern einen Einblick in die bunte Gestaltungs- und Nutzungsvielfalt der Gebäudebegrünung. Für die Keynote-Präsentationen des ersten Vortragstages wurden gezielt Generalisten aus der Architekten-, Landschaftsarchitekten-, Stadtplaner- und Gründachbranche eingeladen, die über den Tellerrand ihrer Spezialgebiete hinausschauen und Synergien zu anderen Disziplinen suchen. IGRA-Präsident Roland Appl gab mit seinem Vortrag „Dachbegrünung Quo Vadis?“ ein wichtiges Leitmotiv des Kongresses vor. So wird das Thema Dachbegrünung in Deutschland häufig auf die ökologischen Wertigkeiten von Extensivbegrünungen reduziert und schafft es dadurch nicht, das Kreativpotential der Architektenbranche zu aktivieren. Dass Grünflächen auf Dächern auch viel mit Spaß, Lebensqualität und der Gestaltung von Erlebnisräumen für Menschen zu tun haben, demonstrierte der dänische Architekt Jakob Lange (Bjarke Ingels Group - BIG) in seinen Vortrag „Green is the New Black“. Nicht umsonst fühlt sich das mit zahlreichen Preisen ausgezeichnete Architekturbüro dem Begriff der „Hedonistischen Nachhaltigkeit“ verpflichtet. Der singapurische Architekt Wong Mun Summ (WOHA) stellt ebenfalls die Bedürfnisse und Wünsche der Gebäudebewohner in den Fokus seiner Begrünungsphilosophie „Breathing Architecture“. Gleiches gilt im übertragenen Sinn auch für die urbanen Wasserlandschaften des Städtedesigners und Landschaftsarchitekten Prof. Herbert Dreiseitl, die Regenwasser als Lebenselixier und natürlichen Klimapuffer in den öffentlichen Raum zurückbringen und erlebbar machen. Seine Ansätze für ein integriertes Siedlungswassermanagement binden dabei den Regenwasserrückhalt begrünter Dächer als wichtigen Baustein mit ein. Den Abschluss der inspirierenden Vormittagsrunde bildete die Präsentation von Prof. Manfred Köhler, der die Technik traditioneller und neuartiger Fassadenbegrünungsysteme und deren Möglichkeiten und Grenzen thematisierte.


Am Nachmittag trennten sich die Kongressteilnehmer, je nach Interessenschwerpunkt, in zwei parallele Workshops auf. Diese wurden, wie alle anderen Vorträge auch, simultan ins Deutsche bzw. Englische übersetzt, um einen intensiven Erfahrungsaustausch zu gewährleisten. Workshop 1 „Praxiserfahrung Dachbegrünung“ gab Einblick in die Planung, Ausführung und Pflege begrünter Dächer. Gleichzeitig wurden neue Forschungsergebnisse und technische Innovationen präsentiert. Dass das Thema Dachbegrünung noch lange nicht ausgeforscht ist, belegten aktuelle Forschungsergebnisse aus den Niederlanden (Prof. Christoph Maria Ravesloot, Universität Rotterdam) und einer dreijährigen Kooperation zwischen der Universität Sheffield und dem deutschen Gründach-Systemhersteller ZinCo GmbH (EU-Forschungsprojekt „Green Roof Systems“, Ralf Walker ZinCo GmbH). Aufsehen erregte auch das neue Gründach-System „Naturline“, das aus nachwachsenden Rohstoffen gefertigt wird und von ZinCo Geschäftsführer Dieter Schenk präsentiert wurde.


Der von Prof. Wolfgang Dickhaut moderierte zweite Workshop „Gründachförderung – Strategien der Stadtplanung und Wasserwirtschaft“ wurde in Kooperation mit der Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt (BSU) und der HafenCity Universität Hamburg (HCU) durchgeführt und beschäftigte sich mit der Frage, wie der nachhaltige Umbau der Stadt des 21. Jahrhunderts gelingen kann. Als wachsende Metropole mit einem jährlichen Bauvolumen von 6.000 Wohneinheiten und den umfangreichen Stadtentwicklungsprojekten HafenCity und Wilhelmsburg besitzt diese Thematik für Hamburg eine besonders große Bedeutung. Als Lösungsansatz für den Konflikt zwischen Nachverdichtung und dem Erhalt bzw. der Verbesserung der städtischen Umweltqualität bietet sich die Begrünung der Dachflächen geradezu an. Um von den Erfahrungen anderer Kommunen in diesem Bereich zu profitieren, hatten die Veranstalter Experten aus Portland, Chicago, Kopenhagen, London und Linz eingeladen. Ein zweiter Schwerpunkt des Workshops befasste sich mit der Berücksichtigung begrünter Dächer bei der Neuplanung von Siedlungsentwässerungsmaßnahmen.
Den Abschluss des ersten Kongresstages bildete die Preisverleihung des IGRA Green Roof Leadership Award – einer Auszeichnung für besonders vorbildhafte Gründach-Projekte und Initiativen. Als Preisträger wurden Peter Busby vom Architekturbüro Perkins+Will und die Landschaftsarchitektin Cornelia Hahn Oberlander für das neue Besucherzentrum des VanDusen Botanical Garden in Vancouver ausgezeichnet. Das spektakuläre Gebäude, dessen Dachflächen Orchideenblättern nachempfunden sind, stellt ein Leuchtturm-Projekt im Bereich der Nachhaltigkeit und Landschaftsintegration dar. Einen weiteren Award erhielt die Stadt Portland/Oregon in Person von Amy Chomowicz, die als Ecoroof Managerin gemeinsam mit ihrem Team herausragende Programme und Initiativen zur Förderung von Dachbegrünungen initiiert hat. Die letzte Auszeichnung ging an die türkische Firma Onduline Avrasya für das Projekt Zorlu-Center in Istanbul. Gemeinsam mit den beteiligten Bauherren, Architekten und Landschaftsarchitekten sorgt die Firma im Großraum Istanbul dafür, dass bei neuen Einkaufszentren Grund und Boden nicht einfach nur verbraucht wird, sondern durch die Schaffung von Naturlandschaften auf den Dächern der Gewerbeimmobilien erlebbares „Grün“ ins Stadtzentrum zurückgebracht wird.


Auch der zweite Kongresstag lieferte ein abwechslungsreiches Potpourri an Präsentationen rund um das Thema Gebäudebegrünung. Den Anfang machte Martin Haas vom Architekturbüro haascookzemmrich/Studio 2050, der seine Ideen und Konzepte für eine neue Nachhaltigkeitsarchitektur erläuterte, die sich nicht ausschließlich über die energetischen Parameter definiert. Der amerikanische Green Building Pionier Peter Busby, tags zuvor noch für das VanDusen-Projekt ausgezeichnet, erläuterte den Teilnehmern an diesem Gebäude die Verbindung von Natur und Architektur, die in der Philosophie des regenerativen Designs mündet. Beide Präsentationen lieferten zahlreiche Ansatzpunkte für die sich anschließende Podiumsdiskussion „Bauen mit Natur“, zu der sich neben Martin Haas, Peter Busby, Roland Appl, Prof. Manfred Köhler und Wong Mun Summ auch der Geschäftsführer der internationalen Gartenschau Heiner Baumgarten gesellte. Die hochkarätige Runde beschäftigte sich mit aktuellen Fragestellungen zur Berücksichtigung von Dach- und Fassadenbegrünung bei Green Building Zertifikaten, der Verwirklichung von Gebäude-Begrünungsmaßnahmen im Bestand und der Bewertung des Stadtgrüns durch die Kommunen. Insbesondere die Tatsache, dass der Begriff „Green Building“ keinen Automatismus für die Einbindung von Dach- und Fassadenbegrünungen bedeutet und die Vorteile der Gebäudebegrünung in den gängigen Green Building - Bewertungssystemen LEED, BREEAM und DGNB nur unzureichend berücksichtigt werden, sorgte für Diskussionsstoff. Dabei waren sich die Teilnehmer des Panels schnell einig, dass die wissenschaftlichen Belege zu den positiven Auswirkungen der Dach- und Fassadenbegrünung auf Gebäude, Mensch und Umwelt ausreichend sind und es aktuell nur an der Implementierung dieser Fakten in die Bewertungssystemen mangelt. Hier besteht Handlungsbedarf durch eine engagierte Lobbyarbeit der Gründach-Branche bei den jeweiligen Zertifizierungsgremien.


Welchen Schwung das Thema Dachbegrünung nehmen kann, wenn die politischen Entscheidungsträger die Weichenstellung in die Hand nehmen, machte der Erste Bürgermeister der Stadt Hamburg, Olaf Scholz, in seinem Grußwort an die Teilnehmer des Kongresses deutlich. Für seine Zukunftsvision einer lebendigen Dachlandschaft mit Grün- und Erholungsqualitäten hat er die Entwicklung einer umfassenden kommunalen Gründach-Strategie in Auftrag gegeben. Dabei sollen die Dachflächen, je nach Eignung und Bedarf, als Freizeitbereiche, Ruhezonen, soziale Treffpunkte, Regenwasserspeicher oder Klimawandelanpassungsmaßnahmen aktiviert werden. Hamburg übernimmt damit bundesweit eine Vorbildfunktion für die Einbindung begrünter Dächer zum Erhalt und Ausbau der grünen Infrastruktur.


Komplettiert wurde das Vortragsprogramm des zweiten Kongresstages durch Projektvorstellungen aus den Niederlanden, Russland, Polen, Deutschland, Singapore und der Türkei. Mit der Ankündigung des 4. Internationalen Gründach-Kongresses, der 2015 in Istanbul stattfinden wird, schloss sich der Kreis. In der explosiv wachsenden 14-Millionen Metropole am Bosporus steht die Stadtplanung vor enormen Herausforderungen. Es wird spannend sein, zu sehen, welche Rolle die Dach- und Fassadenbegrünung bei der Entwicklung einer nachhaltigen und zukunftsorientierten Stadtentwicklung an der Schnittstelle zwischen Europa und Asien spielen kann.


Weitere Informationen zum 3ten Internationalen Gründach-Kongress finden Sie unter http://www.greenroofworld.com. Hier steht auch ein PDF des Kongressbandes mit den Kurzzusammenfassungen der Vorträge und den Kontaktdaten der Referenten zum Download bereit.

Kontakt:
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Postfach 2025
72610 Nürtingen
Tel.: 07022 7191980
E-mail: ansel@igra-world.com

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