"Wir brauchen intelligente, ressourcenschonende Verpackungen"

VDMA-Brancheninterview mit Dr. Vutz von Windmöller & Hölscher
Dr. Jürgen Vutz / Bild: Windmöller & Hölscher (PresseBox) (Frankfurt, ) Die Windmöller & Hölscher KG aus Lengerich nahm ihre Anfänge vor 148 Jahren.    Heute ist sie Weltmarktführer für Maschinen zum Herstellen und Bedrucken von flexiblen Verpackungen. Mit 2.700 Mitarbeitern und 93 Prozent Exportquote setzte das Unternehmen 2016 knapp 800 Mio. Euro um. Im Interview spricht der Vorstandsvorsitzende, Dr. Jürgen Vutz, über Marktperspektiven, Packaging 4.0 und die Notwendigkeit von Verpackungen, die leicht, ressourceneffizient und vor allem recyclingfähig sein müssen.

Herr Dr. Vutz, wie lässt sich Windmöller & Hölscher beschreiben?

Dr. Jürgen Vutz: Angefangen hat unser Unternehmen 1869 als Dienstleister für Apotheken, für die wir Falzkapseln hergestellt haben, also Papiertütchen, in die sie ihre Pulver abfüllten. Etwa ein Jahrzehnt später kam der Einsteig in den Maschinenbau. Zunächst Maschinen für Papierverarbeitung und das Bedrucken, später auch Kunststofftechnik und Folienextrusion. Heute sind wir Weltmarktführer für Anlagen zur Herstellung von flexiblen Verpackungen. Wir beschäftigen 2.700 Mitarbeiter, re-investieren 8 Prozent unserer Umsätze in Forschung und Entwicklung und sind auf allen fünf Kontinenten aktiv. Dieses Jahr streben wir einen Umsatz von 850 Mio. € an.

Was ist der Schlüssel zum Erfolg?

Vutz: Der Markt für flexible Verpackungen wächst mit jährlichen Raten von 3 bis 4 Prozent. In diesem Umfeld orientieren wir uns erfolgreich an den Wünschen unserer Kunden und realisieren jährlich rund ein Drittel unseres Umsatzes mit Neukunden. Aktuell haben wir 50 unterschiedliche Maschinentypen, die wir in den Projekten individuell an die Anforderungen der jeweiligen Kunden anpassen.

Wie wichtig ist für die Entwicklung, dass Folienanlagen, Drucktechnik und Maschinen zur Sackherstellung bei Windmöller & Hölscher aus einer Hand kommen?

Vutz: Wir sind weltweit der einzige Hersteller, der von der Folienextrusion, über den Druck und die Veredlung bis zur Verarbeitung die gesamte Prozesskette abdeckt. Die Forscher und Entwickler der Bereiche arbeiten eng zusammen. Unsere Druckspezialisten arbeiten bei den Spezifikationen der Folien mit, beispielsweise damit diese die nötigen Toleranzen für den Druck einhalten. Und unsere Ingenieure aus dem Bereich  Verarbeitungsmaschinen wissen genau, worauf es beim Verarbeiten bedruckter Folien ankommt. Dieses Knowhow aus der Gesamtprozesskette ist wichtig, um Prozesse effizienter und intelligenter zu gestalten.

Da sind wir beim Stichwort Packaging 4.0…

Vutz: Genau. Wir führen die Informationen und Daten aus den verschiedenen Prozessstufen zusammen und schaffen so Mehrwerte für unsere Kunden. Früher dominierten Mechanik und ein wenig Elektrik in unseren Maschinen. Ab 1978 kamen Computersteuerungen auf - und nun spielen die Daten, die wir in den Maschinen generieren, eine zunehmend wichtige Rolle. Sie liefern Erkenntnisse zum Zustand der Maschine und bilden die Basis für Optimierungen. Etwa, um den Ausschuss beim Andruck und in der Weiterverarbeitung zu minimieren. Dabei helfen Sensoren und Bildverarbeitungssysteme, die die Qualität im Prozess überwachen. So können auftretende Probleme im laufenden Prozess erkannt und behoben werden. Fehler in den Folien oder im Druck werden automatisch exakt dokumentiert. Eine Rolle mit teilweise fehlerhaft bedruckter Folie kann problemlos verarbeitet werden, weil der Weiterverarbeiter auf den Zentimeter genau weiß, wo sich der fehlerhafte Abschnitt befindet. Das erspart den Kunden viel Ausschuss – und damit Kosten, Zeit und Energie.

Wie steht es im Bereich flexible Verpackungen um die Auflagen?

Vutz: Schauen Sie sich allein die Vielfalt der Schokoladensorten im Supermarktregal an. Die Jobs werden immer kleiner. Das erfordert schnelle Auftragswechsel. Wie in der Formel 1 wird das Rennen nicht mehr in der Höchstgeschwindigkeit, sondern beim Pit-Stop gewonnen. Auch dafür sind vernetzte 4.0-Prozesse wichtig. Datenbasierte Prozesse sparen Zeit und 

minimieren den Ausschuss, wodurch auch der Ressourcen- und Energieverbrauch sinkt. Beim ökologischen Fußabdruck einer Maschine zur Herstellung von flexiblen Verpackungen sind die produzierten Materialien klar der größte Faktor. Je weniger Ausschuss, desto besser die Umweltbilanz. Daneben arbeiten wir intensiv an der Energieeffizienz unserer Anlagen.

Inwieweit verlangen kürzere Jobs auch in Ihrem Markt nach digitaler Drucktechnik?

Vutz: Es gibt bisher kein industriereifes, wirtschaftliches Digitaldruckverfahren für flexible Verpackungen. Die Forschung läuft und auch wir beschäftigen uns natürlich damit. Doch die Zeit dafür wird erst kommen. In Zukunft erwarten wir einen Dreiklang aus Tief-, Flexo- und Digitaldruck. Wobei die neue Technologie schon heute die Weiterentwicklung etablierter Verfahren anregt. Sie ist ein zusätzlicher Ansporn, um die Rüstzeiten und Auftragswechsel im Tief- und Flexodruck zu minimieren, die Wirtschaftlichkeit zu steigern und an der Effizienz zu arbeiten. Sobald digitale Druckverfahren soweit sind, werden wir sie in unsere Packaging 4.0 Strategie einbinden und Nutzern die Intelligenz und intuitive Bedienung bieten, die sie von unseren Anlagen gewohnt sind. Trotz steigender Komplexität der Verfahren und Prozesse verfolgen wir das Ziel, dass die Bedienung immer einfacher wird. Denn in vielen Regionen finden unsere Kunden kaum qualifizierte Facharbeiter.

Welche Regionen bieten das größte Marktpotential?

Vutz: Da möchte ich Asien nennen. In Nordamerika liegen die jährlichen Pro-Kopf-Ausgaben für Verpackungen bei 400 US-Dollar – in Asien erst bei 40 US-Dollar. Wir sind dort sehr aktiv und bauen auch unseren Service aus. So haben wir 2014 eine Tochtergesellschaft in China gegründet, die unser globales Netz mit 22 Service- und Vertriebsstandorten sowie mit 350 Servicetechnikern gezielt verstärkt. Es ist wichtig, im Störfall schnell beim Kunden zu sein. Bei Maschinenstundensätzen von einigen 100 Euro wartet kein Kunde gern; erst recht nicht in preissensiblen Geschäften wie dem Verpackungsmarkt. Wir setzen verstärkt auf Remote-Service und können 80 Prozent aller Störungen aus der Ferne beheben - oft binnen Minuten.

Welche Rolle spielen Ihre Akademie und Ihre zuletzt stark erweiterten Technika?

Vutz: Die Academy bietet umfangreiche Weiterbildungs- und Trainingsangebote für unsere Kunden und unsere eigenen Mitarbeiter. Sie trainieren den optimalen Betrieb der Anlagen und wir zeigen ihnen Lösungswege im Fall einer Störung. Zudem hält die Academy unsere Mitarbeiter auf dem neuesten Stand der Technik. Unsere Technika sind zudem eine große Hilfe im Vertrieb. Wir haben erklärungsintensive Produkte und bieten Interessenten an, in unseren Extrusions-, Druck- und Weiterverarbeitungstechnika Versuche auf ihrer potentiellen Neuanlage zu fahren, ehe sie eine Kaufentscheidung treffen. Aktuell investieren wir einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag, um zu unserem 150-jährigen Jubiläum 2019 das weltweit größte Technikum für Maschinen zur Herstellung flexibler Verpackungen in Betrieb zu nehmen. Die Technika sind zudem wichtig, um in Kooperation mit Kunden Prozesse zu optimieren und neue Anwendungen zu entwickeln.

Gibt es im Bereich Folienextrusion überhaupt noch Optimierungspotential?

Vutz: Ich sehe uns hier eher am Anfang als am Ende der Entwicklung. Die Folien werden im Sinne der Ressourceneffizienz bei gleicher Funktionalität immer dünner. Und gerade bei den Lebensmittelverpackungen ändert sich das Verbraucherverhalten. Gefragt sind kleinere und intelligentere Verpackungen, die längere Haltbarkeit gewährleisten. Auch andere Bereiche bleiben innovativ. Etwa atmungsaktive Windelfolien, die um fast ein Drittel dünner sind als bisher. Und über integrierte Prozesse gelingt es immer besser, die Qualität der Folien zu steuern. Außerdem ermöglichen wir unseren Kunden ein präzises Energie-Monitoring, damit sie Einsparpotentiale in der Folienproduktion heben können.

Windmöller & Hölscher bietet auch die Modernisierung von Altanlagen an. Gelingt es, diese auf Packaging 4.0 Standard zu heben?

Vutz: Wir stehen wie viele deutsche Maschinenbauer vor der Herausforderung, dass unsere Maschinen zu lange halten. Daher haben wir eine Abteilung aufgebaut, die an W&H-Anlagen und Anlagen von Wettbewerbern Retrofits durchführt. Wir führen zuerst eine Analyse durch, auf welches Produktivitäts- und Qualitätslevel sich die betreffende Anlage zu welchem Preis heben lässt. Das kann durchaus bis zum Einbinden in Packaging-4.0-Prozesse gehen.

Auch solche Retrofits schonen Ressourcen. Energie- und Ressourceneffizienz ist bei Ihnen ein zentrales Thema. Betreffen Sie die aktuellen Diskussionen über Plastikmüll in Meeren und die Kampagnen gegen Kunststoffverpackungen?

Vutz: Es ist absolut berechtigt, diese Themen zu diskutieren. Niemand will Plastik in Flüssen und Meeren. Das Thema gehört ganz klar auf die Tagesordnung. Wir müssen die Kette zum Recycling hin besser schließen. Wir arbeiten intensiv daran und bemühen uns um Aufklärung unserer Mitarbeiter und der Beschäftigten unserer Partner und Kunden. Es ist unabdingbar, Recyclinglösungen weltweit zu etablieren. Aber es gibt gute Gründe für Verpackungen. Über ein Drittel aller Lebensmittel weltweit verderben auf dem Weg zum Konsumenten. Dazu ein Beispiel: Die Produktion von 1 kg Rindfleisch belastet die Atmosphäre mit 13 kg CO2. Eine Verpackung, die es vor dem Verderben schützt, schlägt dagegen mit 200 g CO2 zu Buche. Verpackungen helfen, Produkte unbeschadet zum Konsumenten zu transportieren, damit sie nicht vorzeitig im Müll landen. Aber es kommt auf die Umsetzung an: Wir brauchen leichtere, intelligentere Verpackungen, die sich mit minimalem Ressourceneinsatz produzieren und anschließend gut recyceln lassen.

Abschlussfrage: Was sehen Sie, wenn Sie sich Windmöller & Hölscher im Jahr 2030 vorstellen?

Vutz: Einen Weltmarktführer, der im Wachstumsmarkt der flexiblen Verpackungen stark gewachsen ist, technologische Akzente setzt und weiterhin exzellente Mitarbeiter an sich binden kann. Das Wissen unserer Branche verdoppelt sich alle drei Jahre. Windmöller & Hölscher bleibt ein höchst spannendes, innovatives Unternehmen, das seinen familiären Charakter hier in Lengerich beibehält. Das Arbeitsumfeld wird immer attaktiver. Packaging 4.0 reift, so dass wir unseren Kunden noch intelligentere, einfach zu bedienende Anlagen anbieten können, als heute.

http://dup.vdma.org

Kontakt

VDMA, Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau e.V.
Lyoner Str. 18
D-60528 Frankfurt
Holger Paul
VDMA
Leiter Kommunikation und Pressesprecher

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